Donnerstag, 28. April 2016

Geteilt ist doppelt schön




The First Avenger: Civil War

Die Ankündigungen, welcher Held der Avengers in The First Avenger: Civil War (aus Gründen der Logik und aus Protest gegen den deutschen Verleihtitel im Folgenden Captain America 3 genannt) einen Auftritt bekommen wird und welche Figuren neu eingeführt werden sollen, ließen Vorsicht walten. Bekommen wir tatsächlich noch einen Film der die spannende Geschichte aus Captain America 2: The Winter Soldier sinnvoll fortführt? Oder bewahrheiten sich die Unkenrufe, die den 13. Film des Marvel Cinematic Universe (MCU) als Avengers 2.5 abtaten? Das schöne ist: Der Film ist sowohl ein gigantisches Ensemblestück, als auch gelungene Fortsetzung der Geschichte um Steve Rogers und Bucky Barnes. Um es vorwegzunehmen: Captain America 3 richtet sich ausnahmslos an getreue Fans des MCU. Selbst wer nicht alle bisherigen Filme der Comicschmiede kennt, sollte zumindest die Avengers-Streifen und bisherigen Solo-Abenteuer des Patrioten mit dem Schild gesehen haben, um der Handlung folgen zu können. Diese entzweit die Avengers diesmal in der Frage, ob nach den Ereignissen in Avengers: Age of Ultron und Captain America: The Winter Soldier, eine UN geleitete Kommission die Einsätze der Superheldengruppe überwachen soll. In stattlichen, aber kurzweiligen 147 Minuten Laufzeit werden wir so Zeuge von Lagerbildungen, die so nicht zu erwarten gewesen wären, jedoch allesamt auf einem soliden inhaltlichen Fundament stehen. Überhaupt ist die zwischenmenschliche Komponente die größte Stärke des Streifens, zumal eine Steigerung hinsichtlich Bombast auch kaum möglich gewesen wäre, ohne noch lächerlicher zu wirken, als dies bereits im Finale von Avengers 2 der Fall war. An dieser Stelle sei bereits auf den großartigen Endkampf in Captain America 3 hingewiesen, der fast schon ruhig und intim daherkommt und großen Einfluss auf die perfekte Inszenatorische Balance des Films hat. Zuvor jedoch kommt es nach eineinhalb Stunden menschlicher und politischer Verwicklungen zum schon in den Trailern angerissenen Quasi-Showdown zwischen nahezu allen Avengers-Mitgliedern (lediglich Hulk und Thor haben hier keinen Auftritt). In diesem phänomenalen Fight, der am Leipziger Flughafen entstand und dort auch spielt, zahlt sich die gute Vorarbeit des Films auf emotionaler Ebene aus. Denn nicht nur ist Optik und Verlauf der epischen Schlacht enorm unterhaltsam, die übermittelte Tiefe aus den einzelnen Entscheidungen der Figuren im Vorfeld kommt im großen Clash auch vollends zum Tragen. So sehen wir die großartigen Vision und Scarlet Witch, die mit ihren übernatürlichen Fähigkeiten und ihrer kybernetischen Existenz hadern und dennoch (oder gerade deswegen) die moralische Instanz des Filmes innehaben und den zentralen Kampf um Überwachung, den Iron Man und Captain America selbst austragen und deren Argumente der Zuschauer beidseitig konsequent nachvollziehen kann. Dazu können wir uns an amüsanten Gastauftritten von Hawkeye und Ant-Man erfreuen. Besonderes Lob verdienen auch noch die Neuzugänge im Avengers-Team Black Panther, auf dessen Solo-Film im Jahr 2018 hingearbeitet wird und Spiderman, der bereits im kommenden Jahr einen eigenen Film im MCU spendiert bekommt. Ersterer ist für die Plotentwicklung essentiell, Zweiterer für den Unterhaltungsfaktor. Fakt ist in jedem Fall: Marvel hält seine Fans so bei der Stange. Die Probleme in Captain America 3 möchte ich allerdings nicht verschweigen. Zuerst eine kleinen Randnotiz: Verschiedene Städte und Länder stehen in internationalen Produktionen immer wieder Pate für eigentliche Spielorte, an denen aus verschiedensten Gründen nicht gedreht werden konnte. Daher möchte ich dem Film dies nicht vorwerfen. Dennoch ist es etwas seltsam anzusehen, wenn eine mit deutschen Polizisten und deutschen Autos gefilmte Verfolgungsjagd im Berliner ICC Bukarest darstellen soll. Doch zur eigentlichen großen Schwäche des Films. Leider bewahrheitet sich erneut, dass es im MCU bisher keinen interessanten Antagonisten außer Loki gibt. Trotz aller Freude über das Casting von Daniel Brühl als Baron Zemo, fungiert dieser doch nur als unnötiger Stein des Anstoßes und wird mit einem unglaubwürdigen und uninspirierten Plot in den Film gequetscht. Die weiterhin schön mysteriöse Figur des Winter Soldiers Bucky Barnes hätte daher völlig gereicht, um Team Cap und Team Iron Man aufeinander zu hetzen. Des Weiteren ist Superstar Martin Freeman in seiner Rolle als Agent der Strafverfolgungsbehörden komplett verschenkt. Der restliche Cast hingegen begeistert uneingeschränkt. Besonders Elisabeth Olson als Scarlet Witch und Paul Bettany als Vision, der auch unter seinem brillant animierten Anzug noch schauspielerische Tiefe erkennen lässt, haben mich positiv überrascht. Die Inszenierung ist in Captain America 3 auf gewohnt fehlerlosem Niveau. Die Actionsequenzen werden sehr dynamisch aber übersichtlich auf die Leinwand gebracht und erinnern auch in ihrer gesunden Härte an die Bourne-Trilogie oder die jüngeren James Bond-Filme. Somit gilt abschließend festzuhalten, dass die Russo-Brüder nach Captain America: Winter Soldier auch in ihrer zweiten Regiearbeit im MCU Großes ablieferten und somit die perfekte Wahl für das gigantische Franchise-Finale Avengers: Infinity War 1 und 2 in den Jahren 2018/19 sind. 

8/10

Für Fans von: Allen MCU-Filmen, The Dark Knight

Montag, 25. April 2016

Friends and the Cheers-City




How to be single

Wer aus welchem Grund und ob jemand überhaupt in Hollywood die Vorstadtkrokodile- Trilogie kennt, sei dahingestellt. Drehbuchautor und Regisseur Christian Ditter zumindest scheinen die Jugendfilme viele Türen geöffnet zu haben. Der gebürtige Hesse legt nach seinem Achtungserfolg Love, rosie – Für immer vielleicht mit How to be single seine zweite englischsprachige Produktion vor. Leider ist der Film durch seine Vorhersehbarkeit und seine uninspirierte Inszenierung trotz einiger schöner Momente keine Werbung für den Regisseur. How to be single folgt vier Frauen in ihrem Leben als Alleinstehende in New York. Jedes Klischee, das dem geneigten Filmfreund beim lesen dieser Zeile in den Kopf kommen mag, wird dann auch genussvoll von How to be single bedient. Natürlich prallen die Lebensentwürfe Karriere, Sex, Selbstfindung und Partnersuche aufeinander. Natürlich erfolgt ein Bekenntnis des Films zum behüteten (Familien-)Leben und natürlich werden auch die rigorosesten Damen letztlich von ihren Gefühlen auf den richtigen Weg gebracht. Diese ganze uninspirierte Mischung aus Episodenkomödie, Chick-Flic und Hipster-Film fällt durch eine unglaubliche Trivialität, erstaunliche Inhaltsarmut und ungewollten Eskapismus auf. Kaum eine Entwicklung in Handlung oder Figurenzeichnung wirkt sonderlich real, dazu scheint New York eine verträumte Kleinstadt mit enormem Raumüberschuss zu sein. Plakative Mitfühlsequenzen und übertriebenes Product Placement runden das negative Erscheinungsbild noch zusätzlich ab. Bei all der harschen Kritik ist How to be single aber kein durchweg furchtbarer Film geworden. Ditters Team vermittelt zwar konsequent das Gefühl eine Sitcom zu sehen, zeigt diese allerdings in schwelgerischen Bildern mit toller Ausstattung und Farbgestaltung, die von einem abwechslungsreichen und stimmigen Soundtrack untermalt sind. Dazu ist der Cast bestens aufgelegt. 50 Shades of Grey-Star Dakota Fanning kann in der Quasi-Hauptrolle überzeugen. Auch wenn ihre Figur unwahrscheinlich realitätsfremd charakterisiert wurde, bleibt man als Zuschauer gern an ihrer Seite. Rebel Wilson stiehlt dazu auch hier als Proll-Blondine mit reichlich Körpereinsatz allen die Show und sorgt für die besten Lacher, sollte allerdings aufpassen nicht in die Type-Cast-Falle zu tappen. Schlussendlich erstickt Christian Ditter How to be single trotz einiger guter Ansätze bereits im Keim. Eine klarer strukturierte Story und eine erwachsenere Inszenierung (uninspirierte Popkulturzitate und leuchtende Schrift von Smartphone-Nachrichten auf der Leinwand braucht mittelerweile wirklich niemand mehr) hätten aus einem leicht unterdurchschnittlichen noch einen unterhaltsamen Frauen-Film machen können. 

5/10

Für Fans von: Brautalarm, Can a Song save your live?, Sex and the City

Sonntag, 24. April 2016

In der Halle des Tonkönigs




Fritz Lang

Zum Ende der 1920er Jahre steckte der deutsch-österreichische Meisterregisseur Fritz Lang in einer Schaffenskrise. Nach den aufreibenden Dreharbeiten zu Frau im Mond und seinem Klassiker Metropolis war er phantastischen Stoffen überdrüssig, dazu begeisterte der aufkommende Tonfilm mit seinen Sing- und Tanzdarbietungen auf der großen Leinwand die Massen. Zu Beginn lehnte Lang diese Art des Filmemachens noch ab, doch die Produzenten der Ufa forderten ein neues Drehbuch, um Lang auch als Tonfilmregisseur zu etablieren. Dass Lang auch durch große private Schwierigkeiten mit seiner Frau und Autorin Thea von Harbou litt, verkomplizierte die Sache noch zusehends. Die Filmhistorie allerdings weiß: 1931 erschien Langs erster Tonfilm. Das Meisterwerk M – Eine Stadt sucht einen Mörder gilt bis heute als herausragender Kriminalstreifen und vorbildliche Auslotung des neuen akustischen Filmmediums. Gordian Mauggs Fritz Lang beleuchtet nun den Weg, den der gebürtige Wiener auf der Suche nach einem neuen Filmstoff zurücklegte. Dabei offenbart sich dem Zuschauer ein äußerst vielfältiges Werk. Maugg zeigt uns hier kein typisches Bio- Pic. Vielmehr entwickelt sich ein interessanter Sog aus der Mischung verschiedener inhaltlicher und technischer Aspekte. Fritz Lang wurde in klassischem 4:3-Format gedreht und kommt in typisch expressionistisch-schwammigem schwarz-weiß daher. Dazu webt Maugg immer wieder Aufnahmen realer Wochenschau- und Dokumentationsfilme, sowie Ausschnitte aus den Filmen Langs in das Geschehen ein. Berlin und Düsseldorf als Handlungsorte kommen extrem düster daher. Fritz Lang fängt somit optisch die Schattenseiten der goldenen 20er ein. Doch auch inhaltlich bleibt der Film dieser dunklen Art treu. Der Exzentriker Lang wird als getriebener Drogenabhängiger mit Vorliebe für Prostituierte gezeigt. Dazu integriert Maugg geschickt die Kontroverse um den Tod von Langs erster Frau Elisabeth Rosenthal in das Geschehen. Langs Charakter bleibt somit letzten Endes genauso rätselhaft wie viele seiner Taten. Vielschichtig beleuchtet gelang der Werdegang des Regisseurs zum paranoiden Besessenen dennoch. Mit zunehmender Spieldauer rücken die Recherchen des Regisseurs über die sogenannte Düsseldorfer Bestie in den Vordergrund, die die Grundlage für den späteren M – Eine Stadt sucht einen Mörder bilden sollten. Im Zwiegespräch mit dem inhaftierten Serienkiller Peter Kürten offenbart sich eine tiefe und abstoßende Faszination Langs für dessen Taten, die ihn noch weiter vom Publikum entrückt. Trotz dieser emotionalen Unwägbarkeiten bleibt die Darstellung Langs durch die tolle Arbeit von Heino Ferch stets beeindruckend. Der Charakterkopf vermittelt die cholerischen sowie stoischen Momente des Protagonisten gleichsam glaubhaft. Abschließend ist Fritz Lang definitiv ein Film für ein cinephiles Publikum geworden. Die Auseinandersetzung mit der Handlungsepoche sollte dem Kinobesuch in Grundzügen vorausgehen. Wer sich auf Fritz Lang einlässt bekommt dann auch ein eigentümlich faszinierendes Kinoessay aus Psychogramm eines innerlich Getriebenen und experimentellem Gesellschaftsporträt der Weimarer Republik zwischen den Nachwehen der Weltwirtschaftskrise und dem Aufflammen der NS-Zeit geboten 

7/10

Für Fans von: M – Eine Stadt sucht einen Mörder, Aviator

Ein Familienkrieg




A war

Das kleine Land Dänemark spielt seit jeher eine erstaunlich große Rolle im internationalen Kino. Regisseure wie Bille August, Lars von Trier, Nicolas Winding Refn und Susanne Bier sind längst jenseits des großen Teiches erfolgreich, während der ersten Ausbreitung der Filmkunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Dänemark sogar als Kinomittelpunkt der Welt bezeichnet. So verwundert es nicht, dass dänische Beiträge regelmäßig ein fester Bestandteil der oscarnominierten Streifen für den besten nicht-englischsprachigen Film sind. Dies war auch 2016 der Fall. A war konnte sich zwar nicht gegen den favorisierten Son of Saul aus Ungarn durchsetzen, sorgte mit seinem außergewöhnlichen Stil aber für viel Gesprächsstoff. A war porträtiert den Kriegseinsatz der dänischen Armee im Afghanistan- Krieg. Am Beispiel des Offiziers Claus Pedersen stellt der Film die großen Fragen nach Schuld und Verantwortung in einem ziellosen, chaotischen Konflikt. Wer sich dabei einen reißerischen Militärthriller amerikanischen Prägung erhofft, wird von A war jedoch enttäuscht werden. Regisseur Tobias Lindholm mischt vielmehr Kriegsfilm und Arthousekino. Denn der Einsatz am Hindukusch ist nur eine von vielen Ebenen, in der A war die Auswirkungen des Krieges auf eine Gesellschaft untersucht. Parallel dazu sehen wir die Leiden der Familie Pedersen, die in Form von Mutter und drei Kindern ihren Alltag mit der ständigen Angst um das Leben des Vaters bzw. Mannes zu bewältigen sucht. Dieser Aspekt kommt vor allem in der Frage nach richtigen Entscheidungen am Ende des knapp zweistündigen Films zum Tragen, während die Nebenhandlung um Maria Pedersen und ihre Kinder den Zuschauer im größten Teil des Films doch leider regelmäßig aus dem Geschehen wirft. Denn das fast dokumentarisch gefilmte Schicksal der Soldaten im Einsatz gibt A war die eigentliche innere Spannung, die den Film trägt. Der Afghanistan-Krieg ist dafür nur als Schablone zu sehen. Lindholm verzichtet auf jegliche örtliche und zeitliche Einordnung, jeder bewaffnete Konflikt könnte in jedem Land und zu jeder Zeit Pate für die Ereignisse stehen. Weiterhin gibt es im gesamten Film nur wenige Augenblicke, die von Musik untermalt werden. Die Kameraführung ist extrem kompakt, durch den intensiven Einsatz der over-the-shoulder Perspektiven fühlt sich der Zuschauer ständig als Teil des Geschehens. Dazu sorgt die minimalistische Ausstattung des Streifens für ein zusätzlich fremdes und beklemmendes Gefühl, das sich besonders in den beängstigend realistisch gefilmten Actionsequenzen frustrierend niederschlägt. Diese bewusste Auslassung und Verdichtung auf inhaltlicher und visueller Ebene stellt den seelischen Zustand des Soldaten in den Mittelpunkt des Geschehens. Da A war jegliche Bewertung des Geschehens vermeidet, überlässt er dem Zuschauer den Umgang mit den eigenen Emotionen selbst. Nicht jeder wird mit dieser Art des Filmemachens einverstanden sein. Doch wer gern über den Tellerrand hinaus schaut, belohnt sich hier mit einem eindrücklichen Drama über die psyschichen Auswirkungen des Krieges und die Stellung des Soldaten in der Zivilbevölkerung, dem es lediglich etwas an Konstanz und Timing mangelt. 

7/10

Für Fans von: Zero Dark Thirty

Donnerstag, 14. April 2016

Probiers mal mit Ernsthaftigkeit




The Jungle Book

Das Dschungelbuch von 1967 ist auch fast 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch der erfolgreichste Kinofilm, der je in Deutschland zu sehen war. Über 27 Millionen Menschen sahen Disneys famose Adaption von Rudyard Kiplings 1894 erschienenen Romans. Iron Man-Regisseur Jon Favreau nahm sich nun des Stoffes an und bringt mit The Jungle Book eine technisch brilliante und düstere Version des Klassikers in die Kinos. An den legendären Figuren und dem thematischen Grundgerüst ändert Favreau nichts, Details und Charakterentwicklungen hingegen werden sicherlich für einige Überraschungen sorgen. An dieser Stelle sollen diese aber noch verborgen bleiben. Der sicherlich spannendste und auffälligste Aspekt in The Jungle Book ist dessen bahnbrechende Optik. Fast dokumentarisch oder fotorealistisch mutet der Dschungel aus 2016 an. Die Details an Tieren und Pflanzen sind atemberaubend, die komplette Erschaffung der Welt am Computer nahezu unbegreiflich, das 3D ein echter Mehrwert in puncto purer Kinomagie. Neel Sethi, der mit Mowgli die einzig reale Figur im Film spielt, wird perfekt in das animierte Geschehen integriert und geriet nie zur optischen Ausnahme. Dazu ließ Favreau komplette Dschungel- Sets nachbauen, den jungen New Yorker mit Puppenspielern drehen und verzichtete weitestgehend auf Motion-Capturing. Das Resultat ist auf der gesamten audiovisuellen Ebene schlicht umwerfend. Thematisch geht es in The Jungle Book allerdings weitaus finsterer zu, als im märchenhaften Original. Viele Songs weichen einem bedrohlichen Score, lediglich The bear necesseties (Probiers mal mit Gemütlichkeit) und King Louies I wanna be like you werden in einer deutlich pessimistischeren Version im fertigen Streifen dargeboten. Generell ist die Charakterisierung der handelnden Tiere viel ausgereifter, aber auch bedrückender geworden. Für diesen sehr plausibel entwickelten Aspekt nimmt sich The Jungle Book mit seinen 106 Minuten Laufzeit auch angenehm viel Zeit. Dem zweiten großen Pluspunkt des Films sei der Tipp vorangestellt, The Jungle Book unbedingt im englischen Original zu sehen. Denn die Arbeit der Original-Synchronsprecher gehört zu den besten aller Zeiten. Das Who-is-Who der für stimmliche Besonderheiten berühmten Schauspieler tritt hier auf. Neben Christopher Walken als King Louie, Lupita Nyong'o und Breaking Bad-Star Giancarlo Esposito als Mowglis Eltern und Sir Ben Kingsley als Baghira, bleiben vor allem Idris Elba als Shir Khan und Bill Murray als Balu mit ihrer genialen stimmlichen Verkörperung nachhaltig im Gedächtnis. Jon Favreau selbst und Kultregisseur Sam Raimi haben überdies kleine Nebenrollen eingesprochen, Scarlett Johannson übernahm die Synchronisierung der Schlange Kaa. Ein Hinweis noch zum Schluss: Die Freigabe ab 6 Jahren, die The Jungle Book von der FSK erhielt, halte ich für deutlich zu niedrig. Für Kinder im Grundschulalter geht es doch verhältnismäßig gewalttätig und dunkel zur Sache. Generell wird The Jungle Book aber in allen Generationen, sei es bei den Fans des Original-Streifens, oder bei Neulingen in der Materie, Begeisterung hervorrufen können. 

9/10

Für Fans von: Das Dschungelbuch, Life of Pi

Level up!




Hardcore

Der Sänger und Gitarrist der russischen Band Biting Elbows, Ilja Naischuller, ist eigentlich Filmschaffender. Folgerichtig entstand unter seiner Regie das erste Musikvideo der Band. Der komplett in der Ego- oder First-Person-Perspektive gedrehte Clip zum Punk-Song Bad Motherfucker wurde ein viraler Hit und erregte somit die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit. Unter der Federführung von Russlands derzeit erfolgreichstem Hollywood- Export Timur Bekmambetov (Regisseur von Wanted, Produzent von Unknown User) wurde Naischuller so sein ersten Langfilm ermöglicht, der den Stil des Musikvideos übernimmt, als ultrabrutaler Bastard von einem Film Independent-Filmfestivals aufmischte und nun auf der großen Leinwand zu erleben ist. Die Story von Hardcore (im Original sinnvoller Weise nach seinem Protagonisten Hardcore Henry genannt) ist nicht weiter erwähnenswert und wird im Film schließlich auch nicht plausibel verfolgt, jedoch ist dies überhaupt nicht das Ansinnen der Filmemacher und fällt somit auch nicht ins Gewicht. Hier steht Stil eindeutig über Inhalt. Und dieser ist schlicht genial. Hardcore wird als erster Kinofilm in der reinen Egoshooter-Perspektive in die Geschichte eingehen. Doch Naischuller nutzt diese Technik nicht nur um tolle Bilder zu kreieren (gedreht wurde übrigens mit einer handelsüblichen GoPro Hero3), sondern huldigt den großen Ballerspielen der letzten Dekaden und der klassischen Popkultur an sich. Der Ablauf von Hardcore scheint dann auch einem Computerspiel entsprungen zu sein. Viele Szenen legen sich einen levelartigen Aufbau zugrunde. Die wiederkehrend benötigte Gesundheitsversorgung, verschiedenste Waffengattungen, zufällig gefundene Items, die die Handlung vorantreiben und zahlreiche Deus-Ex-Machina-Momente lassen die Herzen von Genrefans höher schlagen. Der ausufernde optische und akustische Overkill, in dem dieses Schema eingebettet ist, wird auch über die kompletten 90 Minuten Laufzeit konsequent durchgezogen. Trotz der satirischen Überhöhung der gesamten Szenerie ist die vergebene FSK-18-Einstufung damit auch nachvollziehbar gewählt. Da der eigentliche Hautdarsteller der gewählten Perspektive zufolge niemals auf der Leinwand zu sehen ist, bleibt dem Zuschauer aus dem Cast vor allem der Cameo von Hollywood-Legende Tim Roth und das abgedrehte Overacting des Südafrikaners Sharito Copley in Erinnerung, für das er in seinen Rollen aus District 9 oder Elysium noch hart kritisiert wurde, Hardcore nun aber perfekt zu Gesicht steht. Ein uneingeschränkter Spaß ist der Film dann aber dennoch nicht geworden. Besonders in der zweiten Hälfte schleichen sich doch einige Längen ein und bis zum herrlich abgedrehten Finale wird man auch das Gefühl nicht los bereits mehrere abschließende Shootouts gesehen zu haben. Die phantasiereiche Detailfülle der ersten Hälfte zumindest kann nicht durchgehend aufrechterhalten werden. Und natürlich sei Hardcore Gegnern wackliger Bilder und schneller Bildfolgen nicht empfohlen. Wer sich diesem Spektakel allerdings aussetzt wird mit einer zynischen, gewalttätigen Vision zwischen ambitionierten Fanprojekt und ausufernder Genreproduktion verwöhnt, die die vielleicht beste Computerspielverfilmung aller Zeiten ist, obwohl sie nicht auf einem solchen basiert und das Zeug zum absoluten Kultfilm hat. 

7/10

Für Fans von: Crank 2: High Voltage, Doom

Samstag, 9. April 2016

Der Parkplatzwächter von der Eisenbahn




Ein Mann namens Ove

Ein einsamer, grantiger Mann findet durch einen Blick über den Tellerrand Wege der Aussöhnung und letzten Endes zu sich selbst – die klassische Geschichte schwarzhumoriger Tragikomödien. Auch Ein Mann namens Ove arbeitet sich an den altbekannten Vorgaben dieser Storyline ab, die dank toller Darsteller und trockener und dennoch herzlicher Dialoge dennoch gut unterhalten. Der titelgebende Ove ist nach dem Tod seiner Frau und der eigenen Pensionierung des Lebens überdrüssig. Doch seine Suizidversuche werden stets unterbrochen. Meist sind nervende Nachbarn der Grund dafür – mit denen steht der selbsternannte Vorstadtwächter Ove ohnehin auf Kriegsfuß. Als eine junge persische Frau mit ihrer Familie in diese scheinbare Idylle platzt, bedingt der kauzige alte Mann seine Entscheidung zu überdenken. Eine so herkömmliche Ausgangssituation benötigt engagierte Mitwirkende, um ein überdurchschnittlicher Film zu werden. Bei Ein Mann namens Ove ist dies glücklicherweise der Fall. An vorderster Front begeistert Rolf Lassgård (hierzulande als Wallander berühmt geworden) als herrlich grantiger aber liebenswerter Einzelgänger. Er trifft genau den richtigen Ton um sowohl Parodie auf die typische Vorstadthölle als auch emotionales Zentrum der herzerwärmenden Geschichte zu sein. Zweiter Aspekt gewinnt mit zunehmender Spieldauer am Bedeutung, wenn äußerst stimmig in den Film integriert die Liebesgeschichte von Ove und seiner Frau Sonja mittels Rückblenden erzählt wird. Den schwarzen Humor der ersten halben Stunde kann der Streifen nicht beibehalten, durch einen sehr augenzwinkerndem Score und perfekt durchkomponierte Bilder macht Ein Mann namens Ove allerdings auch weiterhin Freude. Glücklicherweise bleibt der Film dem trockenen Humor seiner schwedischen Heimat treu. Doch auch die leiseren Töne, die sich hauptsächlich mit Trauerverarbeitung und dem Gebraucht werden beschäftigen, wirken durch die tolle Arbeit des Casts nicht fremd. Mit 117 Minuten wirkt Ein Mann namens Ove auf dem Papier recht ausgedehnt, doch gerade in der zweiten Hälfte des Films werden einige Nebenhandlungen recht hektisch abgefrühstückt und nicht auserzählt. Dem Ensemble hätte man auch noch etwas länger zugeschaut. So verdanken wir Hannes Holms fünfter Regiearbeit Ein Mann namens Ove schön anzuschauende und erheiternde Unterhaltung mit leichten tonalen Ungereimtheiten. 

7/10

Für Fans von: Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit, St. Vincent