Samstag, 26. März 2016

Schön gegen Blöd


Batman v Superman: Dawn of Justice

Großes hat man sich im Hause DC vorgenommen. Ein filmisches Universum so erfolgreich wie Marvels MCU soll rund um die Justice League etabliert werden. Mit Man of Steel wurde der wohl berühmteste der DC-Helden, Superman, zu diesem Zwecke cineastisch aufbereitet, The Flash bekam eine erfolgreiche TV-Serie. Bevor die Einzelabenteuer von Batman, Aquaman, Wonder Woman und co. in den nächsten Jahren zu Marvels großen Konkurrenten heranreifen sollen, drehte Man of Steel-Regisseur Zack Snyder nun den zweiten Teil der großen DC-Superhelden-Trilogie, die 2017 bzw. 2019 mit dem geteilten Finale Justice League 1 und 2 vollendet wird. Doch nach beschwerlichen 151 Minuten Batman v Superman: Dawn of Justice steht fest: An Iron Man und Captain America kommen die DC-Helden, zumindest in ihrer Kinoauswertung, derzeit nicht heran - der Film ist eine ziemliche Enttäuschung geworden. Batman v Superman schließt direkt an die Ereignisse in Man of Steel an. Batman/Bruce Wayne ist in Gotham erbost über die Zerstörung, die mit der Offenlegung der Fähigkeiten Supermans/Clark Kent in der direkten Nachbarstadt Metropolis einhergeht. Der in den Medien bereits hartnäckig geführte Kampf um den tatsächlichen Gewinn für die Menschheit durch Supermans kryptonische Fähigkeiten treibt so einen unüberwindlichen Keil zwischen den Mann aus Stahl und den Gerechtigkeitsfanatiker im Fledermauskostüm. Was eine stringente und fesselnde Geschichte um den Einfluss und die Notwendigkeit von Superhelden hätte werden können, wird in Batman v Superman durch ein völlig überfrachtetes Drehbuch bereits im Kein erstickt. Die üppige (aber, und das sei dem Film hoch angerechnet, niemals langweilige) Spielzeit hetzt in irrsinnigem Tempo zwischen Figuren, Schauplätzen und losen Nebenhandlungen hin und her. Der titelgebende Kampf zwischen den ikonischen Rettern verfehlt dann seine Wirkung auch vollends. Zumal dieser effektiv nur wenige Minuten Screentime einnimmt. Stattdessen werden häppchenweise Nebencharaktere und Subplots eingeführt, die den unvorbereiteten Zuschauer irritieren und gerne nur in einminütigen Szenen präsentiert werden. Generell richtet sich Batman v Superman ausdrücklich an alle, die Man of Steel sahen und idealerweise auch mit den thematisch passenden Comics vertraut sind. Auch in puncto Figurenzeichnung offenbart der Streifen deutliche Schwächen. Lois Lane war in Man of Steel noch essentiell für das Fortkommen des Plots, hier wird sie eher als klassische Damsel in Distress charakterisiert, die viel Zeit mit Gerettet werden verbringt. Dazu hilft die neu eingeführte Senatorin June Finch (Holly Hunter) der Geschichte nicht wirklich voran, da sie, ähnlich wie der Zuschauer, um Durchsicht in der überladenen Geschichte kämpft. Batman selbst bleibt von dieser Problematik auch nicht verschont. So bekommt er einige schwülstig- aufgeladene Origin-Plotpoints spendiert, welche aber nicht zu seiner charakterlichen Tiefe beitragen. Diese bildet sich in diesem Film aus der Abneigung gegen die Taten Supermans und nicht aus Batmans schwieriger Kindheit. Zu alledem ist ein Solo-Batman-Film bereits von DC angekündigt worden. Dies bringt mich zum definitiv besten Teil des 250 Millionen Dollar-Projekts: dem Cast. Ben Aflleck ist als Batman schlicht eine Idealbesetzung. Seine Reputation muss natürlich noch gedeihen, was pure Physis und Überzeugungskraft als Figur angeht, sollte er aber sowohl Michael Keaton als auch Christian Bale-Fans sehr zufrieden stellen. Henry Cavill kann als Superman stärker überzeugen, als noch in seinem Solo- Abenteuer Man of Steel, da seine dramatische und etwas unpassende weiche Seite nicht so extrem ausgelotet wird. Die Meinungen über die Performance von Jesse Eisenberg als Lex Luthor werden hingegen auseinandergehen. Hingabe wird dem New Yorker zumindest niemand abschlagen wollen, die Liste mit memorablen DC-Schurken ist allerdings auch ziemlich lang. Positiv überrascht war ich außerdem von Gal Gadot als Wonder Woman/Diana Prince, die reihenweise Szenen stiehlt und den scheinbar übermächtigen Herren eine beeindruckende Kameradin sein wird. Dazu wiederholen Laurece Fishburne, Kevin Costner und Diane Lane ihre Rollen aus Man of Steel, während Jeremy Irons erstmals in die Rolle von Batmans treuem Helfer Alfred schlüpft, der konsequent gegen den Strich gescriptet wurde und so für die wenigen humoristischen Momente in diesem bemüht düsteren Film sorgt. Optisch bleibt Zack Snyder seinem Stil treu und sorgt mit ausufernden Actionsequenzen und vielen Verneigungen vor der Comicvorlage für reichlich Augenfutter. Abschließend möchte ich noch ein Wort über die heißerwartete musikalische Zusammenarbeit von Hans Zimmer und Junkie XL verlieren. Zwei der beliebtesten Filmkomponisten unserer Zeit schufen hier einen Soundtrack der bestens zum überladenen Superhelden-Clash passt. Die sakralen Chor- und Orchesterwerke Zimmers und die stampfenden Industrial-Beats des niederländischen Multiinstrumentalisten wollen sich nicht so recht ergänzen, sondern vervollständigen in ihrem akustischen Overkill den auf höchstem Niveau scheiternden Batman v Superman: Dawn of Justice. 

5/10

Für Fans von: Man of Steel, The Dark Knight Rises

Der Geist der Freiheit


Mustang

Mustang ging in diesem Jahr als französischer Beitrag für den besten nicht englischsprachigen Film bei der Oscarverleihung an den Start. Über eine Nominierung kam das Drama zwar nicht hinaus, doch internationale Aufmerksamkeit war dem in türkischer Sprache und mit fast ausschließlich türkischen Akteuren gedrehten Film gewiss. Mustang ist das Regiedebut von Deniz Gamse Ergüven, die sowohl die französische als auch die türkische Staatsbürgerschaft innehat. Sie siedelt ihren ersten Langfilm in einem abgelegenen Dorf am Schwarzen Meer an. Fünf Schwestern im Teenageralter werden zusehends von patriarchalen Gepflogenheiten und rückständigen Gesellschaftsbildern drangsaliert. Als durch üble Nachrede das Ansehen der Familie der Schwestern im Dorf infrage gestellt wird, beginnt der erziehungsberechtigte Onkel der Kinder (ihre Eltern starben vor einiger Zeit) jegliche Freiheit der eigentlich unabhängigen und offenen Jugendlichen einzuschränken. Die aufgezwungene Umerziehung der Mädchen zu unterwürfigen Frauen ohne Recht auf einen eigenen Willen, Rechte über den eigenen Körper oder nur das Recht auf Schulbildung stellt mit dem Hintergrund des Freiheitsdranges der Schwestern den zentralen Konflikt des Filmes dar. Ergüven findet dafür besonders auf der optischen Ebene tolle Entsprechungen. Die triste Ausstattung und die biederen Kostüme stehen in krassem Gegensatz zu der teils schwebenden Kamera, den sonnendurchfluteten Bildern und den trotz äußerlicher und innerer Enge hauptsächlich optimistisch und kämpferisch dargestellten Mädchen. Die 93 Minuten Laufzeit bieten so trotz der teils erdrückenden Schwere der Thematik und deren absolut beklemmend-realistischen Inszenierung immer wieder Momente von betörender Schönheit. Hoffnung und unbändiger Wille durchziehen Mustang trotz bitterer Entwicklungen. Emotionen verschiedenster Prägung kommen so beim Kinobesuch zutage. Das Casting des Streifens lässt dabei keine Wünsche übrig. Als faktische Hauptdarstellerin leitet die Lale, die jüngste der Schwestern, gespielt von Güneş Nezihe Şensoy, durch das Geschehen und sorgt durch den Altersunterschied so für den reinsten Blick auf die Geschichte. Dazu kann man das brutale Familienoberhaupt Erol von ganzem Herzen hassen, was für die schauspielerische Leistung von Ayberk Pekcan spricht. So arbeitet sich Mustang gekonnt an den schwierigen gesellschaftlichen Themen der modernen Türkei ab, hinterfragt dabei Werte, prangert mittelalterliche Rollenbilder an und versucht somit letzten Endes den kulturellen Fortbestand solcher archaischer Systeme in der globalisierten Welt einzudämmen. Nicht jeder Filmfreund wird sich auf einen derartigen Streifen voll und ganz einlassen wollen. Wer dies allerdings tut, wird mit einem inhaltlich und optisch äußerst lohnenswerten Film belohnt, der für die ungezähmte und zügellose Freiheit seines Namensgebers kämpft. 

8/10

Für Fans von: Gegen die Wand, El Club


Samstag, 19. März 2016

Ein Platz für die Ewigkeit



Raum

Raum ist nun der letzte der großen Oscarfilme 2016, der in die deutschen Kinos kommt. Die in unseren Breiten durch den Fall Natascha Kampusch allgegenwärtige Geschichte vom entführten Mädchen, seiner Flucht und der anschließenden zweifelhaften medialen Aufarbeitung des Martyriums ist jedoch nicht die Vorlage des Films von Lenny Abrahamson. Raum entstand nach dem gleichnamigen Bestseller von Emma Donoghue, die sich auch für das vielschichtige Drehbuch verantwortlich zeigt. Der Film beginnt mit der berührenden Geburtstagsfeier für den nun fünfjährigen Jack. Als Sohn der entführten Joy kennt er nur die Enge und die schlechten Lebensbedingungen des Schuppens, in dem seine Mutter seit nunmehr 7 Jahren gefangen gehalten und regelmäßig missbraucht wird. In den folgenden 118 Minuten gelingt Raum das Kunststück trotz seiner erdrückenden Thematik, die definitiv für zahlreiche Tränenausbrüche sorgen wird, ein lebensbejahender Film zu sein. Vor allem, da die Erzählperspektive oft beim kleinen Jack (phänomenal: Jacob Tremblay) liegt, bekommen zugleich die Selbstverständlichkeit, mit der er sein Gefängnis als gesamte Welt wahrnimmt und die späteren Entdeckungen des realen Lebens ein unglaubliches Gewicht. Die trotz aller Beengtheit scheinbar schwerelose Kamera und der sehr locker- atmosphärische Score unterstützen den Freiheitsdrang der jungen Mutter, den sie aber stetig vor ihrem Sohn versteckt hält. Dem eindrucksvollen Spiel von Oscargewinnerin Brie Larson ist es zu verdanken, dass dieser schmale Grat zur herzzerreißenden Geduldsprobe für den Kinobesucher wird. Die Emotionalität des Films steigert sich noch zusätzlich, da das Grauen von Raum fast ausschließlich im Kopf des Beobachters entsteht. Die kaum zu ertragende Abhängigkeit von Mutter und Sohn bestimmt auch die zweite Hälfte des Films, die sich glücklicherweise nur mit den psychologischen Auswirkungen der Entführung beschäftigt, nicht mit dem kriminalistischen Aspekt des Verbrechens. Die in (äußerlicher) Freiheit spielenden Szenen vermitteln damit ein fast noch stärkeres Gefühl der Bedrückung, als es die reine räumliche Enge vermochte. Denn Joy wird zwischen den Erfahrungen durch den Missbrauch, der Angst um ihren Sohn durch die realitätsferne Erziehung und die durch die Medien eingeimpfte Frage der Mitschuld unentwegt aufgerieben. Die Suche nach Erklärungen und Schuldigen abseits ihres Peinigers löst in ihr dann die Verzweiflung aus, die sie all die Jahre aus Liebe zu ihrem Sohn versteckt hielt. Doch Jack ist es schlussendlich auch, der ihr und den Zuschauern einen hoffnungsvollen Ausgang der Geschichte ermöglicht. Raum ist beeindruckendes Schauspielkino mit langer Nachwirkung.

9/10

Für Fans von: 3096 Tage, Prisoners, Oldboy

Damit war nicht zu rechnen



Lolo – Drei ist einer zu viel

Julie Delpy ist zweifellos eine der vielseitigsten Filmschaffenden unserer Zeit. Die Pariserin besitzt neben der französischen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft und drehte in ihrer über 30jährigen Karriere bereits mit Hochkarätern wie Jean-Luc Godard, Krzysztof Kieslowski, Mika Kaurismäki, Jim Jarmusch, Volker Schlöndorff und Richard Linklater. Seit 2002 ist Delpy auch als Regisseurin aktiv, konnte ihren ersten Langfilm Zwei Tage Paris auf dem Festival in Cannes präsentieren und wurde als Drehbuchautorin unter anderem für Before Midnight mit Preisen regelrecht überhäuft. Ihr neustes Werk Lolo siedelte sie in ihrer Pariser Heimat an und vertraute auf eine komplett französische Crew. Delpy übernimmt in dieser Komödie selbst die Hauptrolle und kann sich an ihrer Seite auf den französischen Superstar Dany Boon (Willkommen bei den Sch'tis, Der Superhypochonder) verlassen. Beide geben das frisch verliebtes Paar Violette und Jean-Renè, bestehend aus dem einfachen aber gutherzigen Informatiker und der hippen, aber neurotischen Modedesignerin, deren Beziehung sukzessive von Violettes Sohn Lolo sabotiert wird. Der Film beginnt als heitere Rom-Com mit solidem Cast, die zwar trotz einiger Ungenauigkeiten (die Modeexpertin ist nicht in der Lage ein Kleid auszusuchen) und ganzen vier sonnendurchfluteten Parallelmontagen zu witziger oder romantischer Musik in den ersten 30 Minuten durchaus gefällt. Delpy und Boon sind viel zu erfahren, um ein durchschnittliches Drehbuch nicht noch aufwerten zu können. Doch meiner Meinung nach verliert der Streifen mit Lolos zunehmender Präsenz an Format. Die Charakterisierung der Mutter-Kind-Beziehung ist äußerst einfältig gestaltet, dazu geht die Mischung aus romantischer Komödie und Ödipus- Komplex-Drama nicht auf. Lolo bleibt ein beliebiger Antagonist ohne echten Antrieb, dem gegenüber der Zuschauer nicht nur die gewollte Verachtung, sondern schlichte Ignoranz aufbringt. So werden Komödienfans besonders von der bösartigen zweiten Hälfte des Films nicht begeistert sein, Freunde anspruchsvoller Familienschicksale wird der humoristische, platte Grundton des Films abschrecken. So ist Lolo trotz eines Cameo-Auftritts von Karl Lagerfeld eher eine Enttäuschung im Oeuvre Julie Delpys, auch wenn die Schauspieler überzeugen und der Streifen das Herz definitiv am rechten Fleck hat.

5/10

Für Fans von: Der Vater meiner besten Freundin

Haltung bewahren



Der Wert des Menschen

Thierry Taugourdeau ist 51 Jahre alt. Er lebt mit seiner Frau und seinem geistig behinderten Sohn in einer Eigentumswohnung. Sein bodenständiges Leben ist jedoch zur Zeit keines mehr. Thierry ist seit fast 2 Jahren arbeitslos. Der titelgebende Wert des Menschen sinkt für ihn Tag um Tag. In seinem minimalistischen Sozialdrama schildert Regisseur Stéphane Brizé die Entbehrungen, eines ungebrauchten Mannes in den Mühlen der modernen, optimierten Arbeitswelt. Der Wert des Menschen begeht dabei nicht den Fehler einen großen Aufschrei provozieren zu wollen, oder pauschale Vorverurteilungen auszusprechen, sondern arbeitet sich langsam am Verfall des eigenen Selbstvertrauens ab. So begleiten wir Thierry beim Bewerbertraining, bei Terminen auf Ämtern und Banken und sehen, wie er langsam des Kampfes um Anerkennung müde wird. Als er schließlich einen neuen, minderwertigen Job ergattern kann, prasseln andere zermürbende Situationen auf ihn ein. Mittels einer starren Kamera und langen sowie trostlosen Einstellungen verbildlicht Der Wert des Menschen die zunehmende persönliche und soziale Wertlosigkeit des Protagonisten. Durch das Fehlen jeglicher musikalischer Untermalung (mit Ausnahme einiger Songs, die von Akteuren (an)gespielt werden) dringen Bildsprache und Schauspiel noch viel ungefilterter an das Publikum heran. Für diese stille aber präzise Leistung konnte Hauptdarsteller Vincent Lindon den Cesar und den Schauspielpreis beim Filmfestival in Cannes gewinnen. Seine realistische Verkörperung eines Mannes, der stets Unwägbarkeiten zu Schlucken hat, von dem aber selbst nur Konformität erwartet wird, legt den Charakter zusätzlich nachvollziehbar an. Der Wert des Menschen verlangt dem Zuschauer einiges ab. Der Film ist definitiv kein Feel-Good-Movie. Die halbdokumentarischen, teils sehr langwierigen Szenen werden definitiv nicht nur auf Anklang stoßen. Thematik und Umsetzung sind, obwohl jederzeit glaubwürdig, sperrig und schwer zugänglich. Erst gegen Ende der 93 Minuten Laufzeit kommt verstärkt Spannung auf, wenn die ohnehin schon triste Atmosphäre des Films noch zusätzlich bedrückender wird. Dennoch wird Der Wert des Menschen ein kleines und interessiertes Publikum mit Sicherheit für sich gewinnen werden. Wer die schlechte deutsche Synchronisation des französischen Originals ignoriert, bekommt einen ungewöhnlichen Arthousefilm zu sehen, der zeigt, dass es nicht nur Geld und Zeit sind, die den eigentlichen Wert des Menschen ausmachen. 

6/10

Für Fans von: 2 Tage, 2 Nächte

Mittwoch, 16. März 2016

Spartakus Wiedergeburt



Trumbo

In den späten 1940er Jahren begann das Komitee für unamerikanische Umtriebe (HUAC) verstärkt sein Augenmerk auf die Ausmerzung vermeintlich kommunistischen Gedankengutes in Hollywood zu konzentrieren. Berühmtester Vorsitzender des HUAC war der spätere US-Präsident Richard Nixon, während Leinwandlegende John Wayne und Nixons Nachfolger und damaliger Kollege Waynes, Ronald Reagan in dessen Dunstkreis für stramm patriotische Propaganda sorgten. Ironischerweise wurde so die „Goldene Ära Hollywoods“ in den Fünfzigern auch zu dessen geschichtlichen Schandfleck. Als Drehbuchautor Dalton Trumbo, der tatsächlich Mitglied der Kommunistischen Partei der USA war, vor dem HUAC aussagen sollte, verweigerte er jegliches Statement, wurde mit einer Gefängnisstrafe belegt, fand seinen Namen auf der berüchtigten Schwarzen Liste wieder und war berühmtestes Mitglied der legendären Hollywood Ten. Dessen Geschichte erzählt nun Komödienspezialist Jay Roach (Austin Powers, Meine Frau, ihre Eltern und ich) in einem unterhaltsamen und brilliant besetzten Bio-Pic. Der große Reiz in Trumbo ist definitiv die Wiederauferstehung einer ganzen Epoche. Dies zeigt sich nicht nur wie gewöhnlich in Ausstattung und Kostümen (die in diesem Film ebenfalls für einen authentischen Look sorgen) sondern vielmehr in der Darstellung von Hollywoods Leben an sich. Mit vielen eingeschobenen Wochenschau-Ausschnitten, die Roach teilweise übernahm, teilweise neu drehte und teilweise nur teilweise veränderte, entsteht ein fast greifbarer Realismus auf der Kinoleinwand. Dazu umgab sich Dalton Trumbo zeitlebens berufsbedingt mit internationalen Berühmtheiten, von denen viele im Film auftreten. Michael Stuhlbarg (Boardwalk Empire, A serious man) darf den klassischen Gangsterdarsteller Edward G. Robinson mimen, David James Elliot (JAG, Mad Men) den bereits angesprochenen John Wayne. Besonders in Erinnerung bleiben allerdings der Neuseeländer Dean O'Gorman (Hobbit-Trilogie) als Kirk Douglas und der deutsche Hollywood-Export Christian Berkel als österreichischer Kult-Regisseur Otto Preminger, die gemeinsam mit John Goodman als B- Movie-Produzent Frank King die illustre Nebendarsteller-Riege dominieren. Kenntnis über die genannten Hollywood-Größen wird das cinephile Publikum zusätzlich unterhalten. Über allen Dingen steht jedoch Bryon Cranston. Der Breaking Bad-Star verkörpert Dalton Trumbo mit formvollendeter Schrulligkeit, als von inneren Kämpfen geplagter Zweifler, der sich krampfhaft gegen das Dasein als Opportunist wehren möchte. Die Oscarnominierung war meiner Meinung nach völlig gerechtfertigt. Ein Film über einen Drehbuchautor sollte natürlich auch mit einem guten Skript aufwarten. Mit diesem kann Trumbo auch dienen. Verfasser John McNamara serviert uns in seiner ersten Kino-Vorlage nach dem Buch Dalton Trumbo von Bruce Cook 124 Minuten geschliffene Dialoge, jede Menge Wortwitz und stetige Übersicht über sein vielfältiges Ensemble. Der große Stolperstein auf dem Weg zu einem wirklich außergewöhnlichen Film ist allerdings Roachs Inszenierung. Diese kommt schrecklich brav und ohne Nachwirkung daher. Der erzählerische Rahmen von 23 Jahren Filmgeschichte wird nicht ausgereizt, abwechslungsreich montiert, oder durch verschiedene zeitliche Erzählebenen zusätzlich spannender gestaltet, sondern nur unaufgeregt, chronologisch abgefilmt. So verdankt es Trumbo seinem großartigen Cast und dem tollen Skript, ein dennoch überdurchschnittlich guter Film geworden zu sein. 

8/10

Für Fans von: Hail, Caesar, Sunset Boulevard, Good Night and Good Luck

Dienstag, 15. März 2016

Fußball, Raketen und Sperma



Der Spion und sein Bruder

Nach dem international enorm erfolgreichen Borat versuchte der britische Comedian und Schauspieler Sacha Baron Cohen mit zwei weiteren Filmen ähnlicher Prägung seinem Hit nachzueifern. Doch weder Brüno noch Der Diktator erreichten Qualität oder Beliebtheit der Kult-Mockumentary. In seinem neuen Werk Der Spion und sein Bruder pfeift Baron Cohen nun auf jegliche politische Note, ätzende Satire oder sonstige Erwähnung von Ernsthaftigkeit, fängt hochoktanig an und steigert sich anschließend noch in Sachen Absurdität und vollkommenem Wahnsinn. Der bewusst überflüssigen Story nach ist Der Spion und sein Bruder als Agentenfilm-Persiflage angelegt. Ein einfältiger Hooligan aus der Arbeiterklasse trifft auf seinen lang verschollenen Bruder, der sich als MI:6-Agent herausstellt. Fortan jagen die unterschiedlichen Geschwister auf geheimer Mission um die Welt. Der Film selbst nimmt sich des Plots niemals an, sondern fungiert nur als Vehikel um Mark Strong und Sacha Baron Cohen in abgedrehte und ekelhafte Szenerien zu schicken. Während das Zusammenspiel der Hauptfiguren überraschend gelungen ist, haben unter dieser Zentrierung vor allem die namhaften Nebendarsteller wie Rebel Wilson, Gabourey Sidibe (oscarnominiert für Precious), Barkadh Abdi (oscarnominiert für Captain Phillips, Penelope Cruz und Baron Cohens Ehefrau Isla Fisher zu leiden, die oftmals als bloße Stichwortgeber fungieren oder für einen Running-Gag geopfert werden. Dazu stimmt das Verhältnis zwischen 007-Parodie und zotiger Komödie nicht immer. Das Problem bei dieser Einschätzung ist allerdings, dass der Film auf wirklich alles pfeift und sich um Kategorien wie guten Geschmack nicht im Geringsten schert. Die Frage, ob eine riesige Bukkake-Szene im Inneren einer Elefanten-Gebärmutter (!) als Witz zu verstehen sein kann, wäre im Falle von Der Spion und sein Bruder nicht angemessen. Der Film liefert seine Gags mit einer großen Schlagzahl, erstaunlich viel Herz und vor allem, weil er es einfach kann. Bei einer Laufzeit von gerade 83 Minuten und einigen ziemlich spektakulären Actionsequenzen aus der Feder von Regissuer Louis Letterier (Transporter) bietet Der Spion und sein Bruder auch keinen Leerlauf, in dem der Zuschauer an sich und seiner Entscheidung über hemmungslos- infantile Scherze herzhaft zu lachen, zweifeln könnte. Wer sich also auf eine dreckige Filmfantasie einlassen kann, die dem Establishment den erhobenen Mittelfinger entgegenstreckt (im Film an sich durch Attacken gegen Donald Trump, Daniel Radcliffe und jegliche Minderheit präsentiert) und dazu noch hochwertig inszeniert ist, darf gerne einen Blick in Der Spion und sein Bruder riskieren.

6/10

Für Fans von: Ali G in da house, Austin Powers-Serie