Mittwoch, 15. Februar 2017

Vermächtnisse




Fences

Es ist ein Lebenswerk, das sich Denzel Washington vorgenommen hat umzusetzen. Der hochdekorierte amerikanische Dramatiker August Wilson schuf Anfang der 80er Jahre The Pittsburgh Cycle, in dem er afro-amerikanisches Leben durch die Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts begleitete. Alle 10 Stücke wurden seitdem am Broadway aufgeführt, Fences, das die 50er Jahre darstellt, gewann bei seiner Wiederaufführung 2010 drei Tonys. August Wilson hatte für diesen Teil seines Zyklus bereits einen Pulitzer-Preis erhalten. Die damalige Besetzung des Stücks schlägt nun den Bogen zur aktuellen Verfilmung. Denn zwei der drei „Broadway-Oscars“ gingen an Denzel Washington und Viola Davis, die nun auch die Hauptrollen in der Kinoversion des Ehedramas innehaben. Doch Washingtons Ziel ist jetzt, den gesamten Pittsburgh Cycle in die Kinos zu bringen. Als Produzent, Regisseur und Darsteller in Personalunion legt der New Yorker mit Fences den äußerst beachtenswerten Grundstein für dieses Vorhaben. Washington verkörpert darin den offensiven aber auf den zweiten Blick unsicheren Müllmann Troy Maxson, der auch in seinen Fünfzigern noch mit Entscheidungen aus seiner Jugend hadert und nun bei der Erziehung seiner beiden erwachsenen Söhne ins Wanken gerät. An seiner Seite steht mit Viola Davis' Rose seine treue Frau, die dem unsteten Charakter ihres Mannes entgegenwirkt und im Gesamten klüger und weniger affektbetont handelt. Gemeinsam mit beiden Kindern, dem Bruder Troys, einem Arbeitskollegen und einer an dieser Stelle nicht benannten Figur beschränkt sich Fences auf nur sieben relevante Sprechrollen. Ebenso das Setting des Films unterstützt die Herkunft des Drehbuches aus einem Theaterstück. Das Haus und der Garten der Troys sind nahezu alles, was wir auf der Kinoleinwand zu sehen bekommen. Von einem Kammerspiel möchte ich hier trotzdem nicht sprechen, zu agil ist die Szenerie, zu alternierend die Dialogpartner. Trotz dieses inszenatorischen Minimalismus versprüht Fences ein beeindruckendes Feeling für die 50er Jahre. Ausstattung und Kostüme sind absolut großartig gestaltet, die Sprache (man sollte den Film wenn irgendwie möglich im Originalton sehen) herrlich zeitgemäß. Trotz der ansehnlichen Optik des Films bleiben Dialoge und Schauspiel die Herzstücke des Streifens. Washington übernahm August Wilsons Wortwechsel (dieser ist nun posthum für einen Drehbuchoscar nominiert) und schafft so dank seiner Bühnenerfahrung gemeinsam mit Viola Davis ein schauspielerisches Ereignis der Extraklasse. Jedes Wort, jede Geste sitzt, einen besser Fusion aus Figur und Künstler wird man im modernen Kino schwerlich finden. Hinter jedem Satz, nach jeder Minute Spielzeit findet sich ein neues Puzzleteil, dass zur intensiveren Charakterisierung von Troy Maxson und seiner Familie beiträgt. In den ausgetragenen Konflikten bleibt viel verborgen und dringt nur langsam an die Oberfläche. Mit weniger begabten Mimen hätten fast zweieinhalb Stunden so zu einer echten Belastungsprobe werden können, Denzel Washington und Viola Davis hingegen könnte man noch tagelang zuschauen. Gemeinsam mit den gesellschaftlichen Umbrüchen in der Rassenfrage, die langsam am Horizont aufziehen, ist Fences so ein brillant gespielter, hochintelligenter Film geworden. Zu kritisieren habe ich lediglich die etwas dick aufgetragenen Zaunmetapher, die kein Zuschauer ein gutes Dutzend Male vorgekaut zu bekommen braucht. Auch das spirituell aufgeladene Ende wäre nicht unbedingt von Nöten gewesen. Sollte Denzel Washington die Umsetzungen des Pittsburgh Cycles weiter vorantreiben und dann das Niveau von Fences halten, so könnten die nächsten Jahre eine absolute Hochzeit der Theaterverfilmungen werden. 

8/10

Für Fans von: Selma, Zeiten des Aufbruchs

Montag, 13. Februar 2017

He was made for loving her




Why Him?

Die Idee des Films und Teile des Drehbuchs stammen von Jonah Hill. Ben Stiller und Im Dutzend billiger-Regisseur Shawn Levy werden als ausführende Produzenten gelistet. Der verantwortliche Filmemacher ist Jon Hamburg und hat bislang maximal mit ...und dann kam Polly auf sich aufmerksam gemacht. Und das ist 13 Jahre her. Warum prangen also auf dem Poster zu Why Him? die Namen Bryan Cranston und James Franco? Diese Frage lässt sich auch nach 112 Minuten im Kinosessel nicht zweifelsfrei beantworten (wahrscheinlich spielen beide mit, weil sie es eben können), doch klar ist: Beide Hollywoodgrößen werten ein ziemlich mieses Drehbuch deutlich auf und retten Why Him? zumindest ins Mittelmaß. Die Story folgt dem alten Muster des Kampfes zwischen Vater und zukünftigen Schwiegersohn. In diesem Falle sehen wir einen konservativen Geschäftsmann und Familienmenschen auf einen naiven aber völlig zügellosen Internetmillionär treffen. James Francos Laird Mayhew hält die Gagdichte dann auch als einziger hoch. Mit seinem treuen Diener Gustav bekommt er einen markanten Sidekick, mit seinem hypermodernen, kalifornischen Anwesen quasi eine weitere Inkarnation. Und so sorgt das von Kaley Cuocos Stimme per erweiterter Smart-Home-Technologie geführte Haus für die größten Lacher im Film. Ob Bilder von kopulierenden Tieren aller Gattungen, in Urin konservierte Elche oder intelligente Toilettensysteme – die Produktionsdesigner hatten hier sichtlich Spaß. Gemeinsam mit Francos völliger Over-the-top-Performance ist so zumindest einiges an Kurzweil geboten. Thematisch orientiert sich Why Him? stark am Leben unter Silicon Valley-Entrepeneurs. PayPal- und SpaceX-Gründer Elon Musk hat sogar einen Cameo- Auftritt. Was im Kontrast zur Familie von Lairds Schwiegereltern noch einigermaßen amüsant scheint, bekommt einen fahlen Beigeschmack, wenn man sich überlegt, in welchem Maße die Start-Up-Szene wegen Datensammelei und Überwachungsvorwürfen in der Kritik steht. Diese beiden Aspekte werden ja in Lairds Heim geradezu als zukunftsweisend gefeiert. Rein dramaturgisch gesehen geht es mit Why Him? Im Verlauf der Spielzeit leider auch nur noch bergab. Was als verhältnismäßig derbe Komödie mit allerlei Schimpfwörtern und jeder Menge Sexcontent begann (auch wenn der Film vor allem dank des bereinigenden Schnitts unnötig zahm gehalten wird), wandelt sich zusehends in eine furchtbar süßliche Weihnachtsschmonzette (amerikanischer Kinostart war passend dazu der 17.12.). Mit TV- Ikone Megan Mullally (Will and Grace, Parks and Recreation), Comedy-Legende Cedric the Entertainer und Newcomerin Zoey Deutsch (Dirty Grnadpa, Everybody wants some!!) bleibt zumindest die Besetzungsliste absolut namhaft. Aber große Namen und einige witzige Ideen reichen nicht für einen guten Film und lassen Why Him? glanzlos im jährlichen mittelmäßigen Komödiendickicht verschwinden. 

5/10

Für Fans von: Meine Braut, ihr Vater und ich, Sextape

Es wird kein zweites Camelot geben




Jackie

Jackie ein Bio-Pic zu nennen, ist gleichsam zu eng gefasst, als auch übertrieben. Auf der einen Seite beschäftigt sich Pablo Larrains erster englischsprachiger Film zeitlich gesehen nur mit einer Woche aus dem Leben seiner Protagonistin, auf der anderen Seite sprengt Jackie den gewöhnlichen Rahmen eines Bio-Pics gleich in mehrfacher Hinsicht. Der Film ist nicht nur das Porträt einer der bekanntesten Frauen des 20. Jahrhunderts, sondern auch bewegendes Drama und kluger politischer Kommentar. Jacqueline Kennedy gibt darin als Rahmenhandlung einem namenlosen Journalisten in vollständiger Abgeschiedenheit Rede und Antwort nach dem Tod ihres ersten Mannes, dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. In Rückblenden erfahren wir nun, was die auf den ersten Blick trauernde Witwe sich selbst, anderen Hinterbliebenen (allen voran JFKs Bruder Robert Kennedy) und dem politischen Washington in den Tagen nach dem Attentat von Dallas zumutete. Denn Jackie ist keineswegs ein Liebesbrief an eine Stilikone. Vielmehr setzt Larrain auf eine ambivalente und fundierte Charakterisierung der sogenannten berühmtesten Witwe der Welt. Besonders eindringlich wird dies in den Interviewpassagen deutlich. Basierend auf der Befragung Jackies durch den Life-Reporter Theodore H. White lässt der Streifen die ehemalige First Lady hier als Regisseurin ihres eigenen Lebens auftreten. Wie sie den Journalisten bearbeitet, ihm Sätze in den Mund legt, Details der Geschichte vorgibt (ob sie wahr sind oder nicht) und letztendlich die komplette Kontrolle über das Geschriebene verlangt, trägt alles zum beherrschenden Thema des Films und damit auch des Ausschnitts des Lebens der späteren Jackie O. bei. Die Kontrolle über die eigene Geschichte. In scheinbar weiser Voraussicht werden hier sogar „alternative Fakten“ behandelt, der Realitätsbezug scheint Jacqueline Kennedy dabei öfters abhanden zu kommen. Vielmehr bleibt sie mit ihrer berechnenden, sprunghaften und selbstbezogenen Art im Gedächtnis. Doch ist sie sich stets bewusst, dass ihr Einfluss nur eine Folge der Heirat in den Kennedy-Clan ist. So sagt sie in Jackie fast zusammenfassend selbst: „Ich wurde einfach nur eine Kennedy“. Die emotionale Charakterisierung fällt somit faszinierend und vielschichtig aus. Solch ein intimes Porträt steht und fällt im Film natürlich mit der Hauptdarstellerin. Mit Natalie Portman ist den Verantwortlichen dabei ein absoluter Glücksgriff gelungen. Das enorm komplexe Wesen von Jacqueline Kennedy bringt die Oscarpreisträgerin perfekt auf die Leinwand. Jackie bedient sich mit der inszenatorisch beeindruckenden Überschneidung von Originalaufnahmen und gedrehten Szenen einem Stilmittel, das die unmittelbare Gegenüberstellung der echten Jackie und der von Portman verkörperten Filmfigur bedingt. Doch statt Ernüchterung wird das genaue Spiel hinsichtlich Auftreten, Bewegung und Sprache besonders deutlich. Die Nebenrollen fallen da drehbuchbedingt schon etwas ab, sind aber mit Peter Saarsgard, Greta Gerwig, Billy Crudup und dem kürzlich verstorbenen John Hurt passend besetzt. All dies Lob kommt unter dem Strich bei Pablo Larrain zusammen. Der Chilene bringt uns hier ein andersartiges und fehlerloses Werk auf die Leinwand, das zu den bisherigen Ausführungen auch technisch überzeugen kann. Mit düsterer und eindringlicher Musik sowie langsamer und extrem naher Kameraführung bei langen, schnittfreien Sequenzen scheint Jackie diesbezüglich einem Horrorfilm entlehnt worden zu sein. Das sperrige Thema wird sicher nicht viele Menschen in die Kinosäle locken. Eine gewisse Schwerfälligkeit kann man dem Film trotz kurzer Spielzeit von 100 Minuten zudem auch ankreiden. Nichtsdestotrotz ist Jackie mit seiner eindringlichen und ungewöhnlichen Darstellung der Kennedy, einer hervorragenden Natalie Portman und seiner Genregrenzen auslotenden Inszenierung absolut sehenswert. 

8/10

Für Fans von: Steve Jobs, Life, Foxcatcher

Freitag, 3. Februar 2017

Der letzte Akt




The Salesman

Kann man von einer automatischen Reaktion der weltweiten Filmöffentlichkeit sprechen, wenn Asghar Fahadis neuer Streifen wieder ein höchstes Maß an Aufmerksamkeit bekommt? Wenn er wie schon seine letzten beiden Werke Nader und Simin – Eine Trennung und Le passé Nominierungen und Trophäen auf Festivals und Preisverleihungen erhält? Der Automatismusgedanke liegt meiner Meinung nach nahe, und bedingt durch Fahadis Einreiseverbot in die USA ist ihm der Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film auch praktisch nicht mehr zu nehmen. Doch ungeachtet all dieser film- und weltpolitischen Begebenheiten ist The Salesman ein eindringliches und bemerkenswertes Drama geworden. Lehrer Emad und seine Frau Rana müssen nach einem Hauseinsturz umziehen. Im chronisch überfüllten Teheran finden beide allerdings nur über private Kontakte eine neue Wohnung, nicht wissend, dass diese zuvor einer Prostituierten als Arbeitsplatz diente. Ein ehemaliger Freier fällt nun über Rana her – eine Verwechslung, die das weltoffene, intellektuelle Ehepaar in eine tiefe Krise stürzen wird. Emad und Rana sind beide in einer Laientheatergruppe aktiv, die sich intensiv mit der Adaption von Tod eines Handlungsreisenden beschäftigt. So ist jedoch nicht nur der Name des Films zu erklären, Arthur Millers Roman und dessen Motive finden im zentralen Konflikt von The Salesman auch ihre Entsprechung. Denn es ist Emad, der nach dem Angriff auf seine Frau zur Rache gedrängt wird (um das indoktrinierte Schamgefühl der misshandelten Rana wieder loszuwerden), jedoch mit deren Auswirkungen und dem möglichen Verlust sozialer Anerkennung hadert und so fürchtet, zum gesellschaftlich unbedeutenden Mensch zu werden und wie Willy Loman seine Vorbildfunktion als Lehrer und Vater zu verlieren. Neben der übergeordneten Haupthandlung und deren weiterer Ebene betätigt sich Asghar Fahadi auch erneut als Chronist des iranischen Alltags. The Salesman bietet spannende Einblicke in ein innerlich ungewisses Land zwischen Aufbruchsstimmung und religiösem Fundamentalismus. Dies alles wird dem internationalen Publikum durch ein tolles Hauptdarstellergespann nahegebracht. Shabab Hosseini konnte für seine Performance verdientermaßen die silberne Palme in Cannes ergattern, Taraneh Alidoosti steht ihrem Filmpartner in nichts nach und beweist, warum sie in ihrem Heimatland als beste Schauspielerin ihrer Generation gilt. Für mich als Westeuropäer war es besonders spannend zu sehen, wie sich in ihrem Spiel die Erwartungen an das Verhalten einer muslimischen Frau widerspiegelten. Inszenatorisch bleibt Fahadi den Gepflogenheiten eines Beziehungsdramas treu, nutzt eine enge Kamera, die die Emotionen der Figuren in den Mittelpunkt rückt sowie unaufgeregte und sparsame Musik. The Salesman hat dank trotz ruhiger Erzählweise und unspektakulärer Visualität dennoch das Zeug zum großen Erfolg unter Arthousefans. Dafür sorgen ein unvorhersehbares Drehbuch, dass seine zunehmende Spannung aus der Entwicklung der Charaktere zieht, sowie die Behandlung philosophischer Konflikte hinsichtlich Vergebung, Rache und Ehre. 

8/10

Für Fans von: Nader und Simin – Eine Trennung, Taxi Teheran, Circles

Dienstag, 31. Januar 2017

Alles extra dick




Mein Blind Date mit dem Leben

Zwei Dinge sind mir seit der Sichtung von Mein Blind Date mit dem Leben besonders negativ im Gedächtnis geblieben, zwei Dinge, die man sonst eher aus amerikanischen Filmen kennt. Zum einen haben es die Produzenten der Komödie geschafft, einen völlig belanglosen und zugleich störenden Halbsatz als Filmtitel zu wählen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Name Mein Blind Date mit dem Leben an sich irgendwo Interesse an der, in groben Zügen wahren, Geschichte des Saliya Kahawatte hervorrufen könnte. Womit wir direkt beim zweiten großen Problem wären. Der Vater des Protagonisten stammt aus Sri Lanka, Bilder des realen Saliya Kahawatte werden in den Credits eingeblendet. Kostja Ullmann wird dem südasiatischen Äußeren seiner Figur zu keiner Zeit gerecht. Unabhängig von schauspielerischen Leistungen ist dieser Film ein erschreckendes Beispiel für Whitewashing. Doch ganz von vorne. Saliya hat einen großen Traum: Der schüchterne Teenager möchte aus der bayrischen Provinz ausbrechen und in einem Luxushotel arbeiten. Seine fast vollständige Blindheit steht ihm dabei allerdings ständig im Wege. Also verheimlicht er diese und gelangt so an einen Ausbildungsplatz. Mein Blind Date mit dem Leben verlässt im Folgenden niemals eingefahrene Gewässer. Die Story ist einfach, glattgebügelt und vorhersehbar erzählt. Ein Beispiel dafür: Salyia wird von den Drehbuchautoren eine Drogensucht anerkannt, die dramaturgisch ins Bild passt, jedoch schnell wieder aus dem Blickfeld verschwindet und so nur als kurzfristige Stressbewältigung inszeniert wird. Dass der wirkliche Saliya mehrere gescheiterte Suizide überlebte, verschweigt solch ein banales Feel-Good-Movie lieber. Weiterhin hat man in vielen Passagen der 111 Minuten Laufzeit den Eindruck, einen Musikfilm zu sehen. Ich kann nicht ansatzweise sagen, wie viele schmalzige Pop- und Folksongs klischeehafte Montageszenen untermalen. 50 scheint mir allerdings nicht zu hoch gegriffen. Saliyas Romanze mit einer Gemüselieferantin bleibt dabei komplett uninteressant, raubt aber im letzten Drittel jede Menge Screentime. Denn es gibt tatsächlich einige wenige Aspekte, die Mein Blind Date mit dem Leben erträglich werden ließen. Der Film ist dank guter Darsteller und deren Zusammenspiel wirklich charmant gelungen und kann als ambitioniert angesehen werden. Die Arbeit im Hotel ist verhältnismäßig realitätsgetreu nachgestellt worden, die gezeigten Arbeitsbedingungen sind nicht unwahrscheinlich. Die nackte, ältere Dame im Roomservice, die schlecht polierten Gläser im Bardienst und zahlreiche andere Hotellerie- und Gastronomieklischees muss der Kinofreund allerdings auch hier durchstehen. Und so wird Mein Blind Date mit dem Leben mit seinen Hochglanzbildern, dem unsachgemäßen Casting, seinen schwülstigen Motivationsreden über Träume und Hoffnungen und seinem unfassbar nervigen Soundtrack einfach vergessen werden. 

4/10

Freitag, 27. Januar 2017

Der lange Weg zurück




Manchester by the sea

Manchester-by-the-sea ist eine ruhige Kleinstadt im US-Ostküstenstaat Massachusetts. 5000 Einwohner und gelegentliche Gäste aus der naheliegenden Großstadt Boston nutzen das historische Kleinod für Fischerei oder Ausflüge an den berühmten Singing Beach. Inmitten dieser betulichen Idylle bettet (und drehte) Kenneth Lonergan sein nach der Stadt benanntes Drama um Trauerverarbeitung und den tristen Alltag der Arbeiterklasse. Nach dem Tod seines Bruders begibt sich der zurückgezogen lebende Lee Chandler in seine Heimatstadt Manchester-by- the-sea, um nach den Wünschen des Verstorbenen dessen Sohn, seinen Neffen, unter seine Obhut zu nehmen. Regisseur Lonergan kann sich dabei auf sein eigens verfasstes Drehbuch verlassen. Der Zuschauer tappt lange im Dunkeln, warum Lees Rückkehr in der Stadt für Tuscheleien, nervöse Blicke oder offene Ablehnung stößt. Über erstaunlich kurzweilige 138 Minuten entblättert sich Lage um Lage einer zu Tränen rührenden Familiengeschichte und es ist zum Einem dem ausgewogenen und realitätsnahen Skript zu verdanken, dass der Film mit einer relativ einfachen Prämisse niemals an Spannung einbüßt. Zum Zweiten wartet Manchester by the sea mit einem grandiosen Cast auf. Über Hauptdarsteller Casey Affleck ist bereits alles gesagt und geschrieben worden. Derzeit wird er mit Preisen für diese Performance geradezu überhäuft und es macht nicht den Anschein, dass diese Erfolgswelle bis zur Oscarverleihung abebben würde. Doch auch Affleck trägt diesen Streifen nicht alleine. Mir blieben dazu vor allem die Leistungen von Michelle Williams und Lucas Hedges in Erinnerung. Die Shutter Island-Darstellerin ist in nur einer Handvoll Szenen zu sehen, doch reißt diese mit einer schauspielerischen Urgewalt an sich, die kitschfreie und zutiefst menschliche Emotionen nicht nur sichtbar werden lässt, sondern unerwartet auch beim Kinopublikum hervorruft. Nachwuchsstar Lucas Hedges sorgt hingegen für die humorvollen und warmherzigen Momente in Manchester by the sea. Generell ist der Streifen keinesfalls niederschmetternd oder pessimistisch. Gerade die gemeinsamen Auftritte von Affleck und Hedges als ungleiches Team sind trotz aller Ernsthaftigkeit enorm aufmunternd, ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Die Kanadierin Lesley Barber steuert des Weiteren einen wahrlich kraftvollen und eindringlichen Score bei, der die ungekünstelte Natürlichkeit des Films hervorragend unterstreicht. Trotz allen Lobes möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass Manchester by the sea nicht für ein breites Publikum gemacht wurde. Seine minimalistische und ruhige Erzählweise sowie die Fixierung auf die Entwicklungen der Charaktere kann einigen Kinofreunden als langwierig oder uninteressant missfallen. Doch wie so oft bei Filmen dieser Art lohnt besonders dann ein Gang ins Lichtspielhaus, wenn man sich davon überzeugen möchte, dass große Dramen weder schwülstig noch unzugänglich sein müssen. Machester by the sea ist ein großes kleines Werk über Vergangenheitsbewältigung und die Unfähigkeit zur Kommunikation. 

8/10

Für Fans von: The Place beyond the Pines, We need to talk about Kevin

Der Zonen - James Bond



Kundschafter des Friedens

Kundschafter des Friedens war tatsächlich die offizielle Bezeichnung von DDR-Spionen. Egal, ob man dem Ministerium für Staatssicherheit oder der Nationalen Volksarmee unterstellt war, der arg euphemistische Name an sich offenbarte schon die kolportierte Harmlosigkeit des Agentendaseins. Regisseur Robert Thalheim nutzt diesen ehemaligen Kalter Krieg-Begriff nun für eine Spionagekomödie der harmlosesten Sorte. Sein selbst formulierter Ansatz, keinen Ost-West-Film drehen zu wollen, sondern sich stattdessen humorvoll mit dem universellen Gefühl auseinanderzusetzen, nicht mehr gebraucht zu werden, geht allerdings nicht auf. Kundschafter des Friedens ist in jeder Minute voller Klischees, komplett vorhersehbar und inszenatorisch auf Fernsehfilmniveau. In zugegeben verhältnismäßig kurzweiligen 90 Minuten folgt der Zuschauer einem Team ehemaliger Stasi-Agenten, das auf Drängen der gesamtdeutschen Regierung die Wiedervereinigung des fiktiven Staates Katschekistan ermöglichen soll. Die Details der Story mitsamt ehemaliger BND-Agenten, alter Rechnungen und familiärer Verflechtungen ist dabei völlig zweitrangig. Kundschafter des Friedens fungiert einzig und allein als Show-Off für gestandene Schauspieler und deren Verkörperungen kauziger Ostdeutscher. Fast schon symptomatisch ist dabei die ausschließliche Besetzung ehemaliger DDR-Schauspieler (Henry Hübchen, Michael Gwisdek, Thomas Thieme, Winfried Glatzeder) als pensionierte Stasi-Spione. In einer internationalen Produktion wäre dieser Schritt absolut nachvollziehbar, für einen Film, der die Zweistaatengeschichte nur als Aufhänger nutzen möchte hingegen nicht. Neben gepflegter Langeweile und genüsslich ausgekosteten Klischees gibt es allerdings auch Positives an Kundschafter des Friedens. Alle gecasteten Schauspieler sind mit viel Enthusiasmus bei der Sache und schaffen es, Spaß und Herzlichkeit an das Publikum zu übertragen. Neben den genannten Herren wird diese Riege von Antje Traue, Florian Panzer und Kultmime Jürgen Prochnow vervollständigt. Dazu weiß Robert Thalheim ein sehr gutes Verhältnis von Score und Soundtrack für diesen Film zu nutzen. In vielen Fällen sorgen gut getimte Songs sogar für die größten Lacher. Als den besten Spaß empfand ich persönlich allerdings die Tatsache, dass es gerade das westeuropäische 70er Jahre-Paradies Gran Canaria mit seinen heruntergekommenen Hotelburgen ist, das für die Dreharbeiten im erdachten Ostblockstaat Katschekistan herhalten musste. Solch eine subversive Note hätte man sich von Kundschafter des Friedens auch innerhalb seiner Geschichte gewünscht. Stattdessen findet das Finale des Streifens im ehemaligen Bonner Bundestagsgebäude statt. Nun ja. 

5/10

Für Fans von: Get Smart, NVA