Samstag, 14. Januar 2017

Ein weiterer, sonniger Tag




La La Land

Schon die fünfminütige Eingangssequenz von La La Land ließ mir die Freudentränen in die Augen schießen. In den leuchtendsten Farben und im epischen Cinemascope-Format werden wir Zeuge einer Musicalnummer mit hunderten Sängern, Tänzern, Artisten und Statisten, die uns den Grundtenor des Films und die Vorgeschichten der Hauptcharaktere auf einem der endlos verstopften Highways von Los Angeles präsentieren. Denn es ist zweifellos die Verheißung, eigene Träume in der Stadt der Engel (oder wie im Film genannt: Stadt der Sterne) ausleben zu können, die bis heute erfolgshungrige Menschen an die kalifornische Küste zieht. So auch Mia und Sebastian. Sie versucht als Schauspielerin durchzustarten, hat es aber bislang nur zur Barista gebracht, er hält sich als Pianist mit Coverprogrammen über Wasser, will aber in einem eigenen Club den Jazz modernisieren. Beide träumen, treffen und verlieben sich. La La Land ist ein klassisches 50er Jahre Hollywood-Musical mit angenehm modernen Variationen. Hier werden große cineastische Vorbilder nicht nur hofiert, sondern, wie im Fall des James Dean-Streifens ...denn sie wissen nicht was sie tun, direkt in den Film integriert. So richtet sich La La Land nicht vorrangig an ein musicalaffines Publikum, sondern an Filmfreunde generell. Und auch all jene unter diesen, die Gesang und Tanz wenig abgewinnen können, werden hier ihre wahre Freude haben. Dafür sei in erster Linie Regisseur Damien Chazelle Dank ausgesprochen. Der Mastermind hinter dem vorjährigen Oscarabräumer Whiplash läuft erneut zu absoluter Hochform auf. La La Land ist sein dritter Spielfilm, dazu auch sein dritter Film, der die Musik behandelt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass alle Musicalnummern besonders herausragend inszeniert sind. Scheinbar ohne sichtbaren Schnitt und mit einer schwerelosen Kamera wirbeln unsere Hauptdarsteller Emma Stone und Ryan Gosling (der für La La Land das Klavierspiel ziemlich eindrucksvoll erlernte) mit beeindruckenden Choreographien durch fantasievolle Sets, tragen hinreißende Kostüme und werden von Justin Hurwitz zeitlosen Kompositionen begleitet. Ganz im Ernst, ich kann mich an keinen Film erinnern, der mich mit so vielen Ohrwürmern entließ. Der Soundtrack hat definitives Kultpotential. Bei den Golden Globes wurde dies ja auch schon honoriert, für die Oscarverleihung sehe ich in den technischen Kategorien auch diverse Goldjungs für La La Land abfallen. Die Schauspielriege lässt ebenfalls keine Wünsche offen. Der Streifen ist komplett auf die bereits erwähnten Emma Stone und Ryan Gosling zugeschnitten. In ihrer bereits dritten Zusammenarbeit (nach Crazy, Stupid, Love und Gangster Squad) haben beide eine unnachahmliche Chemie entwickelt. Beide sind auch einzeln betrachtet wundervolle und hochdekorierte Darsteller, doch ihr Zusammenspiel ist der emotionale Kern des Films, den man gar nicht genug betonen kann. Denn Glaube, Träume und Hingabe sind in jeder der 127 Minuten Laufzeit auf der Leinwand zu spüren und bestimmen darüber hinaus auch die Entscheidungen der Protagonisten. So ist La La Land das ultimative Feel-Good-Movie, welches von seinem phänomenalen Einstieg bis zur bittersüßen Schlussnote schamlos nostalgisch unterhält. Eine perfekte Bewertung muss ich dem Film dennoch verweigern. Leider ist La La Land eine gute Viertelstunde zu lang geraten. Dem zweiten Akt hätte da eine Straffung gut zu Gesicht gestanden. Dennoch bleibt es natürlich dabei: Unbedingt anschauen und genießen!

9/10

Für Fans von: Singin' in the Rain, Can a Song save your life?, Hail Caesar!

Freitag, 13. Januar 2017

Kein Mais oder keine grünen Bohnen




Hell or High Water

Am Ende ist es das Öl, das Frieden und Wohlstand nach Texas bringt. Hier macht Hell or High Water seinen Standpunkt noch einmal besonders deutlich: Der Wilde Westen ist auch im Amerika des 21. Jahrhunderts allgegenwärtig. Das Leben der Landbevölkerung entbehrungsreich und ungemütlich, das Recht des Stärkeren dank lascher Waffengesetze fest verankert. Nur sind es keine marodierenden Banden mehr, die den Menschen ihr Geld stehlen, sondern gierige Banker. In diesen sozialkritischen Überbau bettet Arthouse- Regisseur David Mackenzie (Young Adam, Toy Boy) ein fesselndes Crime-Drama über zwei Brüder, die zur Tilgung der Hypothek auf ihr Familienanwesen beginnen, Banken auszurauben. Neben der wirtschaftspolitischen Dimension ist die inszenatorische Atmosphäre eine weitere große Stärke von Hell or High Water. Der Neo-Western fühlt sich dank seiner festen Verankerung in der Jetztzeit (selbstverständlich werden E-Zigaretten geraucht oder ständig Smartphones genutzt) niemals unpassend schwelgerisch oder anachronistisch an. Die Motive der handelnden Figuren bleiben vielleicht die gleichen, die Zeiten sind es, die sich ändern. Für diese Entsprechung findet Kameramann Giles Nuttgens (Dom Hemingway, Das Glück der großen Dinge), der bereits mehrfach mit David Mackenzie zusammenarbeitete, dann auch die perfekten Bilder. Seine melancholischen Aufnahmen der endlosen Weiten Westtexas (gedreht wurde allerdings komplett in New Mexico) unterstreichen noch einmal, wie entbehrlich sich der Einzelne angesichts der verbreiteten Trostlosigkeit und Verarmung der Mittelschicht hier fühlt. Hell or High Water geht damit auch ständig den Weg vom Kleinen ins Große. Hier werden persönliche Schicksale mit dem Untergang des ruralen Amerikas verknüpft. In vielen kleinen Szenen am Wegesrand des Geschehens wird dies immer wieder spürbar. Womit ich ein Wort zum Aufbau der Geschichte verlieren möchte. Hell or High Water ist mit 102 Minuten Laufzeit kein langer Film. In Zeiten, in denen sich Blockbusterkino ständig der Zweieinhalbstunden- Grenze nähert, können wir hier ein interessantes Phänomen beobachten. Die Geschichte des Films wird nicht mit neuen Figuren und Verwicklungen in die Länge gezogen, sondern bedient sich eher Erzählmustern von Tarantino oder den Coen-Brüdern, bei denen Filme ja gern in die Breite gehen. Ich kann verstehen, wenn man mit dem gemächlichen Passing von Hell or High Water nicht zurecht kommt, mich persönlich ließ der Streifen allerdings nicht eine Sekunde aus seinem Bann. Hierbei spielte auch das exzellente Schauspiel aller Akteure eine gewichtige Rolle. Chris Pine und Ben Foster geben ein grundverschiedenes, aber durch die Kraft des Blutes eng verbundenes Brüderpaar ab. Pine spielt herrlich konträr zu seinem sonstigen Saubermannimage, Foster gibt wie gewohnt dem Affen ordentlich Zucker. Mit Jeff Bridges steht den beiden das ultimative Südstaatengesicht als Sheriff entgegen. Er mimt zwar nur eine Variation seiner Charaktere aus Crazy Heart und True Grit, doch gibt es einen Grund, aus dem er die Idealbesetzung für diese Art von Figuren ist. Abgerundet wird der großartige Gesamteindruck des Films durch einen stimmungsvollen und mitreißenden Country-Soundtrack des australischen Kultmusikers Nick Cave und seines Weggefährten Waren Ellis (beide schrieben auch schon die Scores für Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford oder The Road). Hell or High Water ist für mich eines der absoluten Highlights der diesjährigen Awardsaison. Ein vielschichtiger, bewegender und herrlich schwarzhumoriger Film. 

9/10

Für Fans von: No Country for old men, Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada

Dienstag, 10. Januar 2017

Was weiß der Betrüger schon von Liebe




Die Taschendiebin

Das wohl größte Problem an Die Taschendiebin ist sein Name. Der deutsche Verleihtitel ist mal wieder erstaunlich schlecht gewählt, vermittelt er doch einen viel bösartigeren Eindruck, als dies der internationale Name The Handmaiden (Die Zofe) oder der koreanische Originaltitel machen, welcher übersetzt Das Fräulein lautet. Diese Begrifflichkeiten deuten wesentlich besser in die sinnliche und geheimnisvolle Richtung, die Die Taschendiebin auch einschlägt. Die Geschichte des Filmes ist eine lose Adaption des Sarah Waters-Romans Solange du lügst aus 2002. Dessen Handlung um Heiratsschwindel, Abhängigkeit und verbotene Liebe wurde dazu aus dem viktorianischen England ins japanisch besetzte Korea der 1930er Jahre verlegt. Extremregisseur Park Chan-Wook nutzt diese Mischung aus Motiven und Elementen der östlichen und westlichen Welt dann vorrangig, um einen perfekt ausgestatteten, betörend gefilmten und unerwartet humorvollen Kinostreifen zu kreieren. Mit Hilfe seines Stammkameramannes Chung Chung-Hoon (Ich und Earl und das Mädchen, Stoker) wird der Zuschauer geradezu mit einer Flut aus bezaubernden, weiten Naturaufnahmen und Close-Ups unterdrückter Emotionen beglückt. Die Taschendiebin ist auch dank der tollen Lichtsetzung und des untypischen Schnitts optisch ein perfekter Film. Wer jetzt in Park Chan-Wooks Vita einen Wendepunkt erwartet, den kann ich beruhigen. Die Taschendiebin ist sicher nicht so niederschmetternd wirkungsvoll wie Oldboy oder moralisch aufgeladen wie Lady Venegance, doch mit unerwarteten Wendung zuhauf und einzelnen wohldosierten Gewaltspitzen, bleibt die Handschrift des Regisseurs doch deutlich sichtbar. Wen jetzt die etwas fremde Thematik oder die stattliche Spiellänge von 144 Minuten dazu neigen lassen, einen Kinobesuch zu meiden, dem möchte ich hier noch auf das perfekte Passing von Die Taschendiebin hinweisen. Die zweieinhalb Stunden sind durch eine Dreiteilung der Erzählung und die wendungsreiche Gaunergeschichte richtig kurzweilig geraten. Wer gern über den Tellerrand hinaus schaut oder einen Einstand ins Werk eines der faszinierendsten Regisseure unserer Zeit sucht, dem sei Die Taschendiebin als hinreißend inszenierte Fingerübung empfohlen. 

8/10

Für Fans von: Schnee, der auf Zedern fällt, Carol

Freitag, 6. Januar 2017

Überdruckprobleme




Passengers

Seit 2007 kursierte das Drehbuch zu Passengers von Jon Spaihts bereits auf der legendären Blacklist Hollywood. Dort tummeln sich Geschichten, denen bei einer filmischen Umsetzung ein immenser Erfolg und höchste Qualität prognostiziert werden. Dessen Adaption kam wegen hoher Budgetforderungen Spaihts allerdings nur langsam ins Rollen. Und leider muss man es dem nun fertigen Film nach 10jähriger Produktionsphase so deutlich ankreiden: Es ist exakt dieses gehypte Drehbuch, dass Passengers zu einem unterdurchschnittlichen Film macht. Dabei ist die Prämisse denkbar aussichtsreich. Zwei Menschen erwachen auf einem interstellaren Flug zur Besiedelung einer zweiten Erde 90 Jahre vor Ankunft aus ihrem Hyperschlaf und müssen sich mit ihrem sicheren Tod und der endlosen Einsamkeit an Bord des Luxusraumschiffes Avalon arrangieren. Mit Chris Pratt und Jennifer Lawrence wurden zwei der derzeit angesagtesten Stars für die Hauptrollen gecastet. Und obwohl beide nur wenig mehr leisten als Dienst nach Vorschrift, kann man 116 Minuten lang mit beiden mitfiebern. Den Streifen retten, vermögen jedoch auch sie nicht. Denn neben kleineren Schwächen wie Thomas Newmans aufdringlichem Score oder der auffälligen wissenschaftlichen Ungenauigkeit, krankt Passengers vor allem an zwei zentralen Punkten. Zum einen ist da die Inszenierung von The Imitation Game-Regissuer Morten Tyldum. Hommagen sind ja an sich eine tolle Sache, für Filmfans ganz besonders. Doch wer so schamlos Kameraeinstellungen und ganze Szenen aus wesentlich besseren Filmen kopiert, wie Tyldum dies in Passengers tut, leistet seinem Film einen Bärendienst. Man kann sich als Kinobesucher einen regelrechten Spaß daraus machen, Sequenzen aus 2001, Shining, Sunshine, Gravity, Der Marsianer, Cast Away und Titanic zu finden. Da die generelle audiovisuelle Ebene des Films, insbesondere das Sounddesign und die Ausstattung, wirklich tadellos gelungen sind (auch wenn das 3D mal wieder erstaunlich dunkel wirkt und nicht notwendig gewesen wäre), wiegt das angesprochene Drehbuchproblem letzten Endes doch schwerer. Denn Passengers ist uninspiriert geradlinig und überraschungslos erzählt, weidet sich in zahllosen Klischees und pathetischen Dialogen. Dazu ist das Passing wahrlich miserabel. Auf längere Zeit wird auf spannende Ereignisse im Ganzen verzichtet, der Film konzentriert sich auf die zentrale Romanze und das Leben an Bord der Avalon, nur um im dritten Akt Plotpoint um Plotpoint auszupacken, die, falls überhaupt aufgelöst, niemals schlüssig in die Gesamthandlung integriert werden. Einem Film wie Passengers, bei dem die Zeit das alles bestimmende Handlungselement ist, hätte eine anspruchsvollere Erzählebene auf mehreren Ebenen deutlich besser zu Gesicht gestanden. Und so verlässt man den Kinosaal mit dem Gefühl, dass hier wirklich viel mehr möglich gewesen wäre. 

5/10

Für Fans von: Solaris, Der Marsianer, Sunshine, Gravity

Donnerstag, 5. Januar 2017

Der Beziehungskiller




Nocturnal Animals 
 
Tom Fords bislang einzige Regiearbeit – A single man aus 2009 – überzeugte durch großartige Schauspieler und ein präzises Stilempfinden. Letzteres war vom ehemaligen Gucci-Chefdesigner erwartet worden, dennoch war nicht abzusehen gewesen, dass Ford auch als Filmemacher so glänzen würde. Und auch nach seinem zweiten Kinostreifen wird dieser gute Ruf aufrechterhalten bleiben. Nocturnal Animals ist ein herausragend gespielter, verschachtelter und tiefschwarzer Neo-Noir-Thriller. Auf drei Ebenen erzählt uns Ford, der auch als Drehbuchautor fungierte, die Geschichte der unglücklich verheirateten Galeristin Susan, deren erster Ehe mit Autor Edward, sowie als Kernstück des Films den Plot von Edwards neustem Roman Nocturnal Animals, der eine besondere Bedeutung für Susan und das frühere, gemeinsame Leben der beiden zu haben scheint. Es ist besonders jener Teil des Films, der den Zuschauer mitreißt. Die finstere Kriminalgeschichte um einen Doppelmord ist dank der großartigen Performances von Michael Shannon und Aaron Taylor-Johnson (bereits Golden Globe-nominiert) sowie der fehlerlosen Inszenierung das absolute Herzstück in Nocturnal Animals. Die zu Beginn etablierte, erzählerisch zumindest zentrale Storyline kann anfangs hingegen noch wenig begeistern. Tom Ford karikiert hier die mondäne Kunstwelt von Los Angeles. Ob man einem Mann seiner Vorgeschichte solch eine Intention abnimmt, muss wohl jeder Zuschauer selbst beurteilen. Und so vergeht einiges an Zeit, der insgesamt 116 Minuten Lauflänge, ehe sich dem Kinogänger die Tragweite und die Zusammenhänge der drei Teilgeschichten offenlegen. Doch was Nocturnal Animals dann im finalen Akt auffährt, lässt bereits entstandenen Zweifel an der Wirkung des Filmes schnell vergessen. Die unterschwellig ständig brodelnde Spannung wird genial aufgelöst (der Plottwist am Ende ist keinesfalls als trivial zu verstehen), das Drehbuch darf nicht nur als unvorhersehbar und unergründlich, sondern auch als schlüssig bezeichnet werden. Ansonsten möchte ich an dieser Stelle noch die Kameraarbeit des Nordiren Seamus McGarvey (Avengers, The Accountant), sowie Fords Inszenierung, besonders hinsichtlich Farbgebung und Produktionsdesign loben. Amy Adams spielt ihre Hauptrolle natürlich gewohnt fehlerfrei, kommt jedoch nicht an ihre geniale Arbeit in Arrival heran. Zugegeben lassen sich diese beiden Charaktere auch nur schwerlich vergleichen. Als besonderes Schmankerl leistet es sich Tom Ford im übrigen noch, große Namen für kleinste Szenen auf die Leinwand zu holen. So sind Laura Linney, Isla Fisher und Martin Sheen jeweils nur für kurze Momente, aber in einprägsamen Rollen zu sehen. Achtet darauf! Nocturnal Animals wird sicher nur ein ausgewähltes Publikum begeistern können. Dafür werden zu viele Hollywood-Konventionen über Bord geworfen und eine intensive Nachbetrachtung scheint unerlässlich. Mich konnte Tom Ford hingegen begeistern. 

8/10

Für Fans von: Gone Girl, Maps to the Stars

Samstag, 31. Dezember 2016

Jahresrückblick 2016

Ein äußerst durchschnittliches Kinojahr geht zu Ende. Die Qualität, der im Folgenden aufgeführten Top-Filme des Jahres ist unheingeschränkt hoch, dennoch rührt die große Dichte an der Spitze eher vom Fehlen des ganz großen Wurfes her. Viele Positionen wären daher vertauschbar, doch alle diese Streifen sind äußerst empfehlenswert. Wie immer hielt ich mich bei der Auswahl der Filme streng an die Kinostarts in Deutschland, obwohl die eigentliche Saison hier ja erst Ende Februar oder Anfang März endet, wenn die großen Oscarblockbuster in den Kinos gelaufen sind. Somit findet ihr hier wie gewohnt viele Streifen aus dem ersten Quartal 2016. 

Dies sind die besten (und einige der schlechtesten) Filme des vergangenen Jahres:


10 – The Jungle Book
Bildgewaltige, düstere und stimmungsvolle Liveaction-Neuauflage des Disneyklassikers. Zumindest in der Originalfassung perfekt synchronisiert. Optisch bahnbrechend und musikalisch spannend umgesetzt.


9 – The Revenant
Perfekte Bilder, perfektes Schauspiel, perfekter Film. Jedoch schreit hier alles vordergründig nach Aufmerksamkeit und Preisen. Daher nur Platz 9. Aber für Leo gab es den Oscar. Endlich.


8 – Vor der Morgenröte
Blieb mir stärker im Gedächtnis als erwartet. 4 Szenen aus dem Leben Stefan Zweigs. Ein frischer Blick auf das so gern für tot erklärte Bio-Pic-Genre. Erstklassig von Josef Hader und Aenne Schwarz gespielt und mit großartiger Kameraarbeit veredelt.


7 – Rogue One: A Star Wars Story
Für mich sind Star Wars-Filme cineastische Highlights, nicht mehr. Ich verbinde mit ihnen keine Sehnsüchte nach verlorenen Kindheitstagen. Daher sehe ich Rogue One einfach als einen hervorragenden und erstaunlich kompromisslosen Sci-Fi-Kriegsfilm mit dem gewissen Etwas.


4 Filme, die ich in diesem Jahr besser nicht gesehen hätte


Louder than bombs
Hochkarätig besetzter Schuss in den Ofen. Dröger und unendlich langweiliger Arthousefilm, in dem weder etwas passiert, noch irgendeine Figur eine Entwicklung durchlebt. Kunst, um der Kunst willen vom norwegischen Newcomer Joachim Trier

Point Break
Das wahrscheinlich schwachsinnigste Drehbuch des Jahres. Zwei Stunden völliger Fremdscham mit unterentwickelten Figuren und lächerlichen Szenen. Nur die Stuntcrew wusste zu überzeugen. Ein Mahnmal wider dem Remakewahn.

Triple 9
Eine schier endlose Brigade von A-Listern in einem heillos überfrachteten Cop-Thriller ohne Struktur oder Glaubwürdigkeit. Hier wollten alle nur ihren Gehaltsscheck. Ermüdender und uninspirierter Quatsch.

Girl on the train
Gone Girl für ganz ganz Arme. Per se als Trashfest genießbar, wäre da nicht die unerklärliche Ernsthaftigkeit, mit der sich Girl on the Train verkaufen will. Noch nie habe ich einen Kinosaal vor unfreiwilliger Komik so herzhaft lachen hören. Große schauspielerische Talente werden hier reinem Schrott geopfert. Ein scheußlicher Film.


6 – Everybody wants some!!
Das Feel-Good-Movie des Jahres. Frische Gesichter und alte Gassenhauer in Richard Linklaters Quasi-Fortsetzung von Dazed and Confused. Ein Wochenende Party, Freiheit und große Wahrheiten. Witzig, Warmherzig und unverkrampft nostalgisch. Die vielleicht beste Teeniekomödie seit den 80ern.


5 – Spotlight
Oscar für den besten Film. Das großartigste Casting des Jahres. Dazu eine unaufgeregte, zeitlose Inszenierung, die stets begeistert, aber nie das bedrückende Drehbuch überlagert. Ein immens wirkungsvoller Journalistenthriller alter Schule.


4 – Arrival
Dennis Villeneuve hat nach Prisoners und Sicario in den vergangenen Jahren auch 2016 einen Platz in dieser Liste sicher. Arrival sucht nach dem, was uns menschlich macht, ist dabei clever, realistisch und wirklich charmant. Intelligente Science-Fiction über die Kraft der Kommunikation mit beeindruckenden Klängen von Jóhann Jóhannsson.


5 Filme, die die Top Ten knapp verpassten


Midnight Special
Berührendes Sci-Fi-Drama mit einer großen Portion Spielberg. Mit Michael Shannon, Adam Driver und Kirsten Dunst bestens besetzt. Inhaltlich überraschend, visuell eindrucksvoll. Für den großen Sprung aber etwas minimalistisch.

Mustang
Türkisch-Französische Koproduktion um 5 Töchter, die in den Weiten Anatoliens ihrer rückständigen Familie entkommen wollen. Selten wurde Freiheitswillen so quirlig und lebendig auf die Leinwand gebracht. Konkurrierte um den Auslandsoscar.

El Clan
Die erstaunliche Geschichte einer hochangesehenen, argentinischen Familie, die ihre Kontakte in Politik und Wirtschaft nutzt, um ungestört dem Gangsterdasein zu frönen. Unterhaltsam, inszenatorisch überraschend, insgesamt nur etwas überfrachtet.

Der Schamane und die Schlange
Ein beeindruckender, fiebriger Ritt in schwarz und weiß. Wir folgen Menschen, die auf zwei Zeitebenen einer Heilpflanze der amazonischen Ureinwohner auf der Spur sind. Ein Film, der trotz seiner psychedelischen Inszenierung viel zum Thema Kolonisierung zu sagen hat. Ein würdiger, erster jemals für einen Oscar nominierter, kolumbianischer Streifen.

Sing Street
Pure Lebensfreude, die Popmusik der 80er, jugendlicher Tatendrang und eine zeitlose Liebesgeschichte ohne Kitsch machten aus Sing Street einen kleinen aber eindrucksvollen Überraschungsfilm. Nach Once und Can a song save your life? der dritte großartige Musikfilm von John Carney.


3 – Raum
Kein Film war 2016 bedrückender und machte zugleich hoffnungsvoll und fassungslos. Geniale Performances von Brie Larson (oscarprämiert) und Newcomer Jacob Tremblay. Ein zutiefst menschlicher Film über die Torturen einer jungen Mutter und ihres Sohnes.


2 – The Nice Guys
Der einzige Film, den ich in diesem Jahr zweimal im Kino gesehen habe – aus gutem Grund. The Nice Guys ist durchgedrehtes unerwartbares und zum Schreien komisches Kino. Die Geschichte zweier Privatdetektive ist dank Ryan Gosling und Russell Crowe ein wahres Fest voller skurriler Szenen, einprägsamer Charaktere und einem herrlichen Gefühl für das Leben in den 70er Jahren.


1 – The Big Short
Das perfekte Ensemblestück. Steve Carrell, Brad Pitt, Christian Bale und, erneut, Ryan Gosling führen in dieser hochoktanigen Wall Street-Komödie durch die völlig widerwärtigen Geschäftspraktiken, die zur weltweiten Finanzkrise 2007/2008 führten. Mit einer Überdosis Fantasie und einem perfekt adaptierten Drehbuch macht uns Regisseur Adam McKay trotz viel Fachchinesisch menschliche Schicksale hinter den Maschinerien des Investmentbankings auf amüsanteste Weise begreiflich. The Big Short ist nicht nur Margot Robbie im Schaumbad, es ist ein Film, der auch nach dem wiederholten Male noch uneingeschränkt begeistert. Mein Lieblingsfilm 2016 und dazu einer der am besten geschnittenen Streifen aller Zeiten.

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Eine erneute Hoffnung



Rogue One – A Star Wars Story

Ein kleiner Ausflug in die Geschehnisse des Star Wars-Universums außerhalb der Hauptsaga sollte es werden. Ein Abenteuer, das die mutigen Taten von vermeintlichen Randfiguren behandelt. Nicht mehr als ein inhaltliches Verbindungsstück zwischen Die Rache der Sith und Eine neue Hoffnung. Doch was Godzilla-Regissuer Gareth Edwards mit Rogue One vorlegt, ist nicht weniger als bombastisches, kompromissloses Sci-Fi-Actionkino allererster Güte. Rogue One kann sich als ersten wahren Kriegsfilm unter dem Star Wars-Logo feiern. Hier ist der Name Krieg der Sterne Programm. Die Story rund um eine kleine Rebellen- Allianz, die die Pläne des Todessterns klauen will, beinhaltet viele klassische Elemente eines solchen Kriegsfilms. Desertierte Soldaten, Einsätze hinter feindlichen Linien, abtrünnige Kämpfer, Spionage und Gegenspionage. Passend dazu auch der dreckige und düstere Look des Films. Hier wird schnell geschnitten und geschossen, die Verluste sind hoch. Lange Dialoge mit philosophischem Einschlag sucht man vergebens, es regieren keine weisen Jedi, sondern ein bestialisches, imperiales Terrorregime. Die klassische Epik eines Star Wars- Films wird natürlich dennoch zelebriert. Optisch braucht sich Rogue One nicht hinter Das Erwachen der Macht zu verstecken. Die Kameraarbeit von Zero Dark Thirty-DoP Greig Fraser ist tadellos, die Special Effects aus George Lucas' Kultschmiede Industrial Lights & Magic mal wieder beeindruckend. Lediglich der Einsatz des 3D-Effektes gelang in Star Wars VII noch besser. Viele Szenen schienen dort allerdings speziell darauf ausgelegt zu sein. Der Gegensatz aus brutaler Kriegsaction und magischem Star Wars-Feeling hat mich dann auch besonders in seinen Bann gezogen. Ein bedeutender Aspekt davon ist natürlich auch die musikalische Begleitung des Streifens. Für Rogue One übergab nun Altmeister John Williams den Staffelstab der Komposition an Michael Giacchino, was erwartungsgemäß keine qualitative Verschlechterung darstellt. Der oscargekrönte Science- Fiction-Veteran (Star Trek, A world beyond, Planet der Affen: Revolution) stellt sich ganz in den Dienst der Sache und liefert einen eingängigen und effektvollen Soundtrack ab. Weiterhin schafft es Rogue One die Vielfalt der Figuren in der Star Wars-Welt zu erweitern. Der Druide K-2SO oder der blinde Kämpfer Chirrut Imwe haben definitiv Kultpotential. Dazu können sich die Verantwortlichen mit einem tollen Näschen für das Casting der Charaktere rühmen. Felicity Jones ist als Anführerin Jyn Erso eine absolute Idealbesetzung. Ihre kämpferische Ausstrahlung konterkariert perfekt ihr zierliches Äußeres und erdet sie somit in der Rolle als zupackende Heldin. An ihrer Stelle dürfen außerdem der Mexikaner Diego Luna (Milk, Elysium) und der britische Aufsteiger des Jahres Riz Ahmed (Jason Bourne, The Night of) überzeugen. Auf Seiten des Imperiums wurde mit Ben Mendelsohn eine Ikone des Antagonisten-Verkörperung als Direktor Orson Krennic besetzt, der im Laufe des Films sogar Darth Vader Paroli bieten darf. Forest Whitaker und Mady Mikkelsen runden mit ihren kleinen aber bedeutenden Rollen ein hervorragendes Gesamtbild der Akteure vor der Kamera ab. Zusätzlich zu all dem bisherigen Lob boten mir die letzten drei Minuten von Rogue One ein vollkommen unerwartetes und schlicht magisches Kinogefühl. In etwas ausgedehnten 134 Minuten kam letzten Endes einfach sehr viel Gutes zusammen. Eine kluge, geerdete Story, ein toller Cast, viel Unabhängigkeit und dennoch die Kraft, Star Wars-Fans mit kindlicher Freude und Fantasie zu begeistern. 

9/10

Für Fans von: Star Wars