Dienstag, 10. Januar 2017

Was weiß der Betrüger schon von Liebe




Die Taschendiebin

Das wohl größte Problem an Die Taschendiebin ist sein Name. Der deutsche Verleihtitel ist mal wieder erstaunlich schlecht gewählt, vermittelt er doch einen viel bösartigeren Eindruck, als dies der internationale Name The Handmaiden (Die Zofe) oder der koreanische Originaltitel machen, welcher übersetzt Das Fräulein lautet. Diese Begrifflichkeiten deuten wesentlich besser in die sinnliche und geheimnisvolle Richtung, die Die Taschendiebin auch einschlägt. Die Geschichte des Filmes ist eine lose Adaption des Sarah Waters-Romans Solange du lügst aus 2002. Dessen Handlung um Heiratsschwindel, Abhängigkeit und verbotene Liebe wurde dazu aus dem viktorianischen England ins japanisch besetzte Korea der 1930er Jahre verlegt. Extremregisseur Park Chan-Wook nutzt diese Mischung aus Motiven und Elementen der östlichen und westlichen Welt dann vorrangig, um einen perfekt ausgestatteten, betörend gefilmten und unerwartet humorvollen Kinostreifen zu kreieren. Mit Hilfe seines Stammkameramannes Chung Chung-Hoon (Ich und Earl und das Mädchen, Stoker) wird der Zuschauer geradezu mit einer Flut aus bezaubernden, weiten Naturaufnahmen und Close-Ups unterdrückter Emotionen beglückt. Die Taschendiebin ist auch dank der tollen Lichtsetzung und des untypischen Schnitts optisch ein perfekter Film. Wer jetzt in Park Chan-Wooks Vita einen Wendepunkt erwartet, den kann ich beruhigen. Die Taschendiebin ist sicher nicht so niederschmetternd wirkungsvoll wie Oldboy oder moralisch aufgeladen wie Lady Venegance, doch mit unerwarteten Wendung zuhauf und einzelnen wohldosierten Gewaltspitzen, bleibt die Handschrift des Regisseurs doch deutlich sichtbar. Wen jetzt die etwas fremde Thematik oder die stattliche Spiellänge von 144 Minuten dazu neigen lassen, einen Kinobesuch zu meiden, dem möchte ich hier noch auf das perfekte Passing von Die Taschendiebin hinweisen. Die zweieinhalb Stunden sind durch eine Dreiteilung der Erzählung und die wendungsreiche Gaunergeschichte richtig kurzweilig geraten. Wer gern über den Tellerrand hinaus schaut oder einen Einstand ins Werk eines der faszinierendsten Regisseure unserer Zeit sucht, dem sei Die Taschendiebin als hinreißend inszenierte Fingerübung empfohlen. 

8/10

Für Fans von: Schnee, der auf Zedern fällt, Carol

Freitag, 6. Januar 2017

Überdruckprobleme




Passengers

Seit 2007 kursierte das Drehbuch zu Passengers von Jon Spaihts bereits auf der legendären Blacklist Hollywood. Dort tummeln sich Geschichten, denen bei einer filmischen Umsetzung ein immenser Erfolg und höchste Qualität prognostiziert werden. Dessen Adaption kam wegen hoher Budgetforderungen Spaihts allerdings nur langsam ins Rollen. Und leider muss man es dem nun fertigen Film nach 10jähriger Produktionsphase so deutlich ankreiden: Es ist exakt dieses gehypte Drehbuch, dass Passengers zu einem unterdurchschnittlichen Film macht. Dabei ist die Prämisse denkbar aussichtsreich. Zwei Menschen erwachen auf einem interstellaren Flug zur Besiedelung einer zweiten Erde 90 Jahre vor Ankunft aus ihrem Hyperschlaf und müssen sich mit ihrem sicheren Tod und der endlosen Einsamkeit an Bord des Luxusraumschiffes Avalon arrangieren. Mit Chris Pratt und Jennifer Lawrence wurden zwei der derzeit angesagtesten Stars für die Hauptrollen gecastet. Und obwohl beide nur wenig mehr leisten als Dienst nach Vorschrift, kann man 116 Minuten lang mit beiden mitfiebern. Den Streifen retten, vermögen jedoch auch sie nicht. Denn neben kleineren Schwächen wie Thomas Newmans aufdringlichem Score oder der auffälligen wissenschaftlichen Ungenauigkeit, krankt Passengers vor allem an zwei zentralen Punkten. Zum einen ist da die Inszenierung von The Imitation Game-Regissuer Morten Tyldum. Hommagen sind ja an sich eine tolle Sache, für Filmfans ganz besonders. Doch wer so schamlos Kameraeinstellungen und ganze Szenen aus wesentlich besseren Filmen kopiert, wie Tyldum dies in Passengers tut, leistet seinem Film einen Bärendienst. Man kann sich als Kinobesucher einen regelrechten Spaß daraus machen, Sequenzen aus 2001, Shining, Sunshine, Gravity, Der Marsianer, Cast Away und Titanic zu finden. Da die generelle audiovisuelle Ebene des Films, insbesondere das Sounddesign und die Ausstattung, wirklich tadellos gelungen sind (auch wenn das 3D mal wieder erstaunlich dunkel wirkt und nicht notwendig gewesen wäre), wiegt das angesprochene Drehbuchproblem letzten Endes doch schwerer. Denn Passengers ist uninspiriert geradlinig und überraschungslos erzählt, weidet sich in zahllosen Klischees und pathetischen Dialogen. Dazu ist das Passing wahrlich miserabel. Auf längere Zeit wird auf spannende Ereignisse im Ganzen verzichtet, der Film konzentriert sich auf die zentrale Romanze und das Leben an Bord der Avalon, nur um im dritten Akt Plotpoint um Plotpoint auszupacken, die, falls überhaupt aufgelöst, niemals schlüssig in die Gesamthandlung integriert werden. Einem Film wie Passengers, bei dem die Zeit das alles bestimmende Handlungselement ist, hätte eine anspruchsvollere Erzählebene auf mehreren Ebenen deutlich besser zu Gesicht gestanden. Und so verlässt man den Kinosaal mit dem Gefühl, dass hier wirklich viel mehr möglich gewesen wäre. 

5/10

Für Fans von: Solaris, Der Marsianer, Sunshine, Gravity

Donnerstag, 5. Januar 2017

Der Beziehungskiller




Nocturnal Animals 
 
Tom Fords bislang einzige Regiearbeit – A single man aus 2009 – überzeugte durch großartige Schauspieler und ein präzises Stilempfinden. Letzteres war vom ehemaligen Gucci-Chefdesigner erwartet worden, dennoch war nicht abzusehen gewesen, dass Ford auch als Filmemacher so glänzen würde. Und auch nach seinem zweiten Kinostreifen wird dieser gute Ruf aufrechterhalten bleiben. Nocturnal Animals ist ein herausragend gespielter, verschachtelter und tiefschwarzer Neo-Noir-Thriller. Auf drei Ebenen erzählt uns Ford, der auch als Drehbuchautor fungierte, die Geschichte der unglücklich verheirateten Galeristin Susan, deren erster Ehe mit Autor Edward, sowie als Kernstück des Films den Plot von Edwards neustem Roman Nocturnal Animals, der eine besondere Bedeutung für Susan und das frühere, gemeinsame Leben der beiden zu haben scheint. Es ist besonders jener Teil des Films, der den Zuschauer mitreißt. Die finstere Kriminalgeschichte um einen Doppelmord ist dank der großartigen Performances von Michael Shannon und Aaron Taylor-Johnson (bereits Golden Globe-nominiert) sowie der fehlerlosen Inszenierung das absolute Herzstück in Nocturnal Animals. Die zu Beginn etablierte, erzählerisch zumindest zentrale Storyline kann anfangs hingegen noch wenig begeistern. Tom Ford karikiert hier die mondäne Kunstwelt von Los Angeles. Ob man einem Mann seiner Vorgeschichte solch eine Intention abnimmt, muss wohl jeder Zuschauer selbst beurteilen. Und so vergeht einiges an Zeit, der insgesamt 116 Minuten Lauflänge, ehe sich dem Kinogänger die Tragweite und die Zusammenhänge der drei Teilgeschichten offenlegen. Doch was Nocturnal Animals dann im finalen Akt auffährt, lässt bereits entstandenen Zweifel an der Wirkung des Filmes schnell vergessen. Die unterschwellig ständig brodelnde Spannung wird genial aufgelöst (der Plottwist am Ende ist keinesfalls als trivial zu verstehen), das Drehbuch darf nicht nur als unvorhersehbar und unergründlich, sondern auch als schlüssig bezeichnet werden. Ansonsten möchte ich an dieser Stelle noch die Kameraarbeit des Nordiren Seamus McGarvey (Avengers, The Accountant), sowie Fords Inszenierung, besonders hinsichtlich Farbgebung und Produktionsdesign loben. Amy Adams spielt ihre Hauptrolle natürlich gewohnt fehlerfrei, kommt jedoch nicht an ihre geniale Arbeit in Arrival heran. Zugegeben lassen sich diese beiden Charaktere auch nur schwerlich vergleichen. Als besonderes Schmankerl leistet es sich Tom Ford im übrigen noch, große Namen für kleinste Szenen auf die Leinwand zu holen. So sind Laura Linney, Isla Fisher und Martin Sheen jeweils nur für kurze Momente, aber in einprägsamen Rollen zu sehen. Achtet darauf! Nocturnal Animals wird sicher nur ein ausgewähltes Publikum begeistern können. Dafür werden zu viele Hollywood-Konventionen über Bord geworfen und eine intensive Nachbetrachtung scheint unerlässlich. Mich konnte Tom Ford hingegen begeistern. 

8/10

Für Fans von: Gone Girl, Maps to the Stars

Samstag, 31. Dezember 2016

Jahresrückblick 2016

Ein äußerst durchschnittliches Kinojahr geht zu Ende. Die Qualität, der im Folgenden aufgeführten Top-Filme des Jahres ist unheingeschränkt hoch, dennoch rührt die große Dichte an der Spitze eher vom Fehlen des ganz großen Wurfes her. Viele Positionen wären daher vertauschbar, doch alle diese Streifen sind äußerst empfehlenswert. Wie immer hielt ich mich bei der Auswahl der Filme streng an die Kinostarts in Deutschland, obwohl die eigentliche Saison hier ja erst Ende Februar oder Anfang März endet, wenn die großen Oscarblockbuster in den Kinos gelaufen sind. Somit findet ihr hier wie gewohnt viele Streifen aus dem ersten Quartal 2016. 

Dies sind die besten (und einige der schlechtesten) Filme des vergangenen Jahres:


10 – The Jungle Book
Bildgewaltige, düstere und stimmungsvolle Liveaction-Neuauflage des Disneyklassikers. Zumindest in der Originalfassung perfekt synchronisiert. Optisch bahnbrechend und musikalisch spannend umgesetzt.


9 – The Revenant
Perfekte Bilder, perfektes Schauspiel, perfekter Film. Jedoch schreit hier alles vordergründig nach Aufmerksamkeit und Preisen. Daher nur Platz 9. Aber für Leo gab es den Oscar. Endlich.


8 – Vor der Morgenröte
Blieb mir stärker im Gedächtnis als erwartet. 4 Szenen aus dem Leben Stefan Zweigs. Ein frischer Blick auf das so gern für tot erklärte Bio-Pic-Genre. Erstklassig von Josef Hader und Aenne Schwarz gespielt und mit großartiger Kameraarbeit veredelt.


7 – Rogue One: A Star Wars Story
Für mich sind Star Wars-Filme cineastische Highlights, nicht mehr. Ich verbinde mit ihnen keine Sehnsüchte nach verlorenen Kindheitstagen. Daher sehe ich Rogue One einfach als einen hervorragenden und erstaunlich kompromisslosen Sci-Fi-Kriegsfilm mit dem gewissen Etwas.


4 Filme, die ich in diesem Jahr besser nicht gesehen hätte


Louder than bombs
Hochkarätig besetzter Schuss in den Ofen. Dröger und unendlich langweiliger Arthousefilm, in dem weder etwas passiert, noch irgendeine Figur eine Entwicklung durchlebt. Kunst, um der Kunst willen vom norwegischen Newcomer Joachim Trier

Point Break
Das wahrscheinlich schwachsinnigste Drehbuch des Jahres. Zwei Stunden völliger Fremdscham mit unterentwickelten Figuren und lächerlichen Szenen. Nur die Stuntcrew wusste zu überzeugen. Ein Mahnmal wider dem Remakewahn.

Triple 9
Eine schier endlose Brigade von A-Listern in einem heillos überfrachteten Cop-Thriller ohne Struktur oder Glaubwürdigkeit. Hier wollten alle nur ihren Gehaltsscheck. Ermüdender und uninspirierter Quatsch.

Girl on the train
Gone Girl für ganz ganz Arme. Per se als Trashfest genießbar, wäre da nicht die unerklärliche Ernsthaftigkeit, mit der sich Girl on the Train verkaufen will. Noch nie habe ich einen Kinosaal vor unfreiwilliger Komik so herzhaft lachen hören. Große schauspielerische Talente werden hier reinem Schrott geopfert. Ein scheußlicher Film.


6 – Everybody wants some!!
Das Feel-Good-Movie des Jahres. Frische Gesichter und alte Gassenhauer in Richard Linklaters Quasi-Fortsetzung von Dazed and Confused. Ein Wochenende Party, Freiheit und große Wahrheiten. Witzig, Warmherzig und unverkrampft nostalgisch. Die vielleicht beste Teeniekomödie seit den 80ern.


5 – Spotlight
Oscar für den besten Film. Das großartigste Casting des Jahres. Dazu eine unaufgeregte, zeitlose Inszenierung, die stets begeistert, aber nie das bedrückende Drehbuch überlagert. Ein immens wirkungsvoller Journalistenthriller alter Schule.


4 – Arrival
Dennis Villeneuve hat nach Prisoners und Sicario in den vergangenen Jahren auch 2016 einen Platz in dieser Liste sicher. Arrival sucht nach dem, was uns menschlich macht, ist dabei clever, realistisch und wirklich charmant. Intelligente Science-Fiction über die Kraft der Kommunikation mit beeindruckenden Klängen von Jóhann Jóhannsson.


5 Filme, die die Top Ten knapp verpassten


Midnight Special
Berührendes Sci-Fi-Drama mit einer großen Portion Spielberg. Mit Michael Shannon, Adam Driver und Kirsten Dunst bestens besetzt. Inhaltlich überraschend, visuell eindrucksvoll. Für den großen Sprung aber etwas minimalistisch.

Mustang
Türkisch-Französische Koproduktion um 5 Töchter, die in den Weiten Anatoliens ihrer rückständigen Familie entkommen wollen. Selten wurde Freiheitswillen so quirlig und lebendig auf die Leinwand gebracht. Konkurrierte um den Auslandsoscar.

El Clan
Die erstaunliche Geschichte einer hochangesehenen, argentinischen Familie, die ihre Kontakte in Politik und Wirtschaft nutzt, um ungestört dem Gangsterdasein zu frönen. Unterhaltsam, inszenatorisch überraschend, insgesamt nur etwas überfrachtet.

Der Schamane und die Schlange
Ein beeindruckender, fiebriger Ritt in schwarz und weiß. Wir folgen Menschen, die auf zwei Zeitebenen einer Heilpflanze der amazonischen Ureinwohner auf der Spur sind. Ein Film, der trotz seiner psychedelischen Inszenierung viel zum Thema Kolonisierung zu sagen hat. Ein würdiger, erster jemals für einen Oscar nominierter, kolumbianischer Streifen.

Sing Street
Pure Lebensfreude, die Popmusik der 80er, jugendlicher Tatendrang und eine zeitlose Liebesgeschichte ohne Kitsch machten aus Sing Street einen kleinen aber eindrucksvollen Überraschungsfilm. Nach Once und Can a song save your life? der dritte großartige Musikfilm von John Carney.


3 – Raum
Kein Film war 2016 bedrückender und machte zugleich hoffnungsvoll und fassungslos. Geniale Performances von Brie Larson (oscarprämiert) und Newcomer Jacob Tremblay. Ein zutiefst menschlicher Film über die Torturen einer jungen Mutter und ihres Sohnes.


2 – The Nice Guys
Der einzige Film, den ich in diesem Jahr zweimal im Kino gesehen habe – aus gutem Grund. The Nice Guys ist durchgedrehtes unerwartbares und zum Schreien komisches Kino. Die Geschichte zweier Privatdetektive ist dank Ryan Gosling und Russell Crowe ein wahres Fest voller skurriler Szenen, einprägsamer Charaktere und einem herrlichen Gefühl für das Leben in den 70er Jahren.


1 – The Big Short
Das perfekte Ensemblestück. Steve Carrell, Brad Pitt, Christian Bale und, erneut, Ryan Gosling führen in dieser hochoktanigen Wall Street-Komödie durch die völlig widerwärtigen Geschäftspraktiken, die zur weltweiten Finanzkrise 2007/2008 führten. Mit einer Überdosis Fantasie und einem perfekt adaptierten Drehbuch macht uns Regisseur Adam McKay trotz viel Fachchinesisch menschliche Schicksale hinter den Maschinerien des Investmentbankings auf amüsanteste Weise begreiflich. The Big Short ist nicht nur Margot Robbie im Schaumbad, es ist ein Film, der auch nach dem wiederholten Male noch uneingeschränkt begeistert. Mein Lieblingsfilm 2016 und dazu einer der am besten geschnittenen Streifen aller Zeiten.

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Eine erneute Hoffnung



Rogue One – A Star Wars Story

Ein kleiner Ausflug in die Geschehnisse des Star Wars-Universums außerhalb der Hauptsaga sollte es werden. Ein Abenteuer, das die mutigen Taten von vermeintlichen Randfiguren behandelt. Nicht mehr als ein inhaltliches Verbindungsstück zwischen Die Rache der Sith und Eine neue Hoffnung. Doch was Godzilla-Regissuer Gareth Edwards mit Rogue One vorlegt, ist nicht weniger als bombastisches, kompromissloses Sci-Fi-Actionkino allererster Güte. Rogue One kann sich als ersten wahren Kriegsfilm unter dem Star Wars-Logo feiern. Hier ist der Name Krieg der Sterne Programm. Die Story rund um eine kleine Rebellen- Allianz, die die Pläne des Todessterns klauen will, beinhaltet viele klassische Elemente eines solchen Kriegsfilms. Desertierte Soldaten, Einsätze hinter feindlichen Linien, abtrünnige Kämpfer, Spionage und Gegenspionage. Passend dazu auch der dreckige und düstere Look des Films. Hier wird schnell geschnitten und geschossen, die Verluste sind hoch. Lange Dialoge mit philosophischem Einschlag sucht man vergebens, es regieren keine weisen Jedi, sondern ein bestialisches, imperiales Terrorregime. Die klassische Epik eines Star Wars- Films wird natürlich dennoch zelebriert. Optisch braucht sich Rogue One nicht hinter Das Erwachen der Macht zu verstecken. Die Kameraarbeit von Zero Dark Thirty-DoP Greig Fraser ist tadellos, die Special Effects aus George Lucas' Kultschmiede Industrial Lights & Magic mal wieder beeindruckend. Lediglich der Einsatz des 3D-Effektes gelang in Star Wars VII noch besser. Viele Szenen schienen dort allerdings speziell darauf ausgelegt zu sein. Der Gegensatz aus brutaler Kriegsaction und magischem Star Wars-Feeling hat mich dann auch besonders in seinen Bann gezogen. Ein bedeutender Aspekt davon ist natürlich auch die musikalische Begleitung des Streifens. Für Rogue One übergab nun Altmeister John Williams den Staffelstab der Komposition an Michael Giacchino, was erwartungsgemäß keine qualitative Verschlechterung darstellt. Der oscargekrönte Science- Fiction-Veteran (Star Trek, A world beyond, Planet der Affen: Revolution) stellt sich ganz in den Dienst der Sache und liefert einen eingängigen und effektvollen Soundtrack ab. Weiterhin schafft es Rogue One die Vielfalt der Figuren in der Star Wars-Welt zu erweitern. Der Druide K-2SO oder der blinde Kämpfer Chirrut Imwe haben definitiv Kultpotential. Dazu können sich die Verantwortlichen mit einem tollen Näschen für das Casting der Charaktere rühmen. Felicity Jones ist als Anführerin Jyn Erso eine absolute Idealbesetzung. Ihre kämpferische Ausstrahlung konterkariert perfekt ihr zierliches Äußeres und erdet sie somit in der Rolle als zupackende Heldin. An ihrer Stelle dürfen außerdem der Mexikaner Diego Luna (Milk, Elysium) und der britische Aufsteiger des Jahres Riz Ahmed (Jason Bourne, The Night of) überzeugen. Auf Seiten des Imperiums wurde mit Ben Mendelsohn eine Ikone des Antagonisten-Verkörperung als Direktor Orson Krennic besetzt, der im Laufe des Films sogar Darth Vader Paroli bieten darf. Forest Whitaker und Mady Mikkelsen runden mit ihren kleinen aber bedeutenden Rollen ein hervorragendes Gesamtbild der Akteure vor der Kamera ab. Zusätzlich zu all dem bisherigen Lob boten mir die letzten drei Minuten von Rogue One ein vollkommen unerwartetes und schlicht magisches Kinogefühl. In etwas ausgedehnten 134 Minuten kam letzten Endes einfach sehr viel Gutes zusammen. Eine kluge, geerdete Story, ein toller Cast, viel Unabhängigkeit und dennoch die Kraft, Star Wars-Fans mit kindlicher Freude und Fantasie zu begeistern. 

9/10

Für Fans von: Star Wars

Dienstag, 29. November 2016

Fachgespräche und Fachzerstörung




Deepwater Horizon

Die Ölplattform Deepwater Horizon ist Synonym für die massive ökologische Katastrophe, die sie auslöste. Am 20. April 2010 kam es dort zu einem Blowout. Das ausströmende Öl verursachte einen Brand auf der Plattform, diese sank zwei Tage später. Die folgende Ölpest im Golf von Mexiko ist bis heute die schlimmste ihrer Art. Nicht weniger tragisch war dabei der Verlust von 11 Bohrarbeitern. Der für jegliche Art von Actionfilmen bekannte Regisseur Peter Berg nahm sich nun auf Grundlage der in der New York Times erschienenen Artikelreihe Deepwater Horizon's Final Hours dieser Ereignisse an, um sie in einen klassischen Katastrophenfilm umzuwandeln. Und mit dieser klassischen Herangehensweise macht Berg alles richtig. Deepwater Horizon funktioniert wie Genrekino der 70er Jahre. Das Privatleben der Hauptfiguren wird zu Beginn kurz ergründet – die emotionale Bindung im Verlauf der Katastrophe ist gegeben. Heldenhafte und schurkige Charaktere sind sofort zu erkennen. Nahezu jedes Gesicht auf der Leinwand ist dabei ein bekanntes. Dementsprechend liest sich der Cast äußerst ansehnlich. Mark Wahlberg, Kurt Russell, Kate Hudson, John Malkovich, Dylan O'Brien und Gina Rodriguez sind mit von der Partie. Natürlich sind explosive Actionsequenzen und heldenhafte Rettungsszenen das Entscheidende bei solch einem Film, doch die durchweg überzeugenden Akteure (allen voran der für Blockbusterverhältnisse toll aufspielende Mark Wahlberg), erden die Story und sorgen für erstaunlich packende und nahegehende Momente. Nichtsdestotrotz sind es am Ende die Schauwerte, die überzeugen müssen. Im Falle von Deepwater Horizon geht diese Rechnung auch auf. Die eigentliche Katastrophe ist schlicht spektakulär und beeindruckend gefilmt. Das dreckige und brutale Geschehen überträgt sich mühelos auf den Zuschauer, der trotz bekanntem Ausgang von den Entwicklungen auf der Bohrinsel mitgerissen wird. Peter Berg fährt seinen wackeligen Kamerastil im Gegensatz zu Lone Survivor deutlich zurück und mischt immer wieder beeindruckende Helikopteraufnahmen unter die allgegenwärtige Hektik. Den größten Gefallen tut sich Deepwater Horizon dann jedoch zum Ende des Streifens. Mit nur 107 Minuten Laufzeit schafft es der Film ein atemloses und dramaturgisch perfekt ausbalanciertes Stück Actionkino zu sein. Die einzelnen Menschen stehen hier im Vordergrund, Schuldfrage und Auswirkungen auf Wirtschaft und Umwelt interessieren hier nur am Rande, werden aber deutlich benannt bzw. geklärt. Deepwater Horizon ist natürlich kein künstlerisch wertvoller Film. Auch werden hier nicht alle cineastischen Klischees vermieden (hier sei an Kate Hudsons Rolle erinnert). Doch solch kurzweilige und handwerklich hochwertige Unterhaltung gibt es viel zu selten. 

8/10

Für Fans von: Der Sturm, Everest, Flammendes Inferno

Montag, 28. November 2016

Viele viele bunte Tiere




Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Wohl niemand hat ernsthaft daran geglaubt, dass nach 7 Büchern und 8 Filmen die Geschichten aus dem Harry Potter-Universum auserzählt wären. Zu groß ist die Verlockung von Studios, Verlegern und Investoren, zu groß jedoch auch die Fantasie der Erschafferin dieser Welt, J.K. Rowling. Nach dem gigantischen Erfolg ihres Theaterstücks Harry Potter and the cursed child, dass derzeit in London gespielt wird, schuf die Schriftstellerin ihr erstes reines Drehbuch. Doch Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind, wird kein einmaliges Werk bleiben. 5 Filme sind geplant, allesamt basierend auf einem gut 50 Seiten dünnen Sachbuch gleichen Namens, dass Rowling als Begleitheft zur Geschichte des berühmtesten Zauberlehrlings der Popkultur veröffentlichte. Da kann selbst Peter Jackson neidisch werden. Für alle diese Filme holte sich Rowling mit David Yates auch gleich den Regisseur der Harry Potter-Streifen 5-8 an Bord. Und ehe sich der Zuschauer versieht, beginnt Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind mit dem altbekannten Design und der berühmten Musik der Harry Potter-Saga. Doch der Übergang wird vollzogen, inhaltlich, musikalisch und auch optisch. Harry Potter oder andere (Haupt-)Charaktere, die dem Zuschauer bereits bekannt sind, treten im Verlauf der 133 Minuten Laufzeit nicht ins Zentrum des Geschehens. Naturgemäß werden viele Querverweise gemacht, Namen fallengelassen und Anspielungen gemacht, doch die breite Palette der handelnden Figuren ist zu Beginn unbekannt. Womit Stärken und Schwächen des Films auch schon benannt werden. New Scamander ist als Protagonist eine tolle Figur. Der Wächter über und Sammler der titelgebenden Wesen wirkt in seiner Darstellung von Oscarpreisträger Eddie Redmayne neugierig, bisweilen verspielt, aber immer geheimnisvoll und tiefgründig. Mit Dan Foglers (Milo und Mars, Taking Woodstock) Jacob Kowalski wird dem Zuschauer zusätzlich ein Charakter an die Hand gegeben, dessen einzige Aufgabe das Erfragen und somit Entdecken der magischen Welt ist. Diese unterscheidet sich, hauptsächlich durch die zeitliche und örtliche Verlagerung ins New York des Jahres 1926, in Vielem von der aus Hogwarts bekannten. Dazu ist das Casting der weiblichen Hauptrolle mit Katherine Waterston hervorragend gelungen. Doch mit jeder zusätzlich eingeführten Figur nimmt das Chaos auf der Leinwand seinen Lauf. Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind bekommt seine zahlreichen Handlungsstränge nie wirklich unter einen Hut. Natürlich soll hier eine ganze Filmwelt etabliert werden, doch die eigentliche Geschichte bleibt ständig unter einem ausufernden Überbau verborgen. In der ersten Stunde sind dies die vielfältigen tierischen Begleiter Scamanders, in der zweiten die vielen Charaktere und ihre Verwicklungen. Wenn im, zusätzlich aus zig Superheldenfilmen kopierten, Finale schließlich alles versucht wird zusammenzubringen, ist es dafür bereits zu spät. Ebenso zwiegespalten, wie der erzählerische Aspekt des Films, ist auch dessen optischer. Das 3D ist für eine Welt voller kriechender, schwimmender und fliegender magischer Kreaturen ein gewaltiges Plus. Zugleich ließ mich das erstaunlich schwache CGI reichlich verwundert zurück. Von einer 180 Millionen Dollar-Produktion hätte ich doch deutlich mehr technische Qualität erwartet. Im Vergleich zum hervorragend animierten Hippogreif Seidenschnabel aus Harry Potter und der Gefangenen von Askaban von 2004 scheinen hier keine 12 Jahre technische Entwicklung zwischen den Filmen zu liegen. Eine andere Fortentwicklung der Harry Potter- Filme hat hingegen ganz großartig funktioniert. James Newton Howard beerbte für Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind Altmeister John Williams als Komponist des Scores. Und dieser gelang in jeder Szene passend, wundervoll schwelgerisch und stets unterschwellig spannend und bedrohlich. Zusammenfassend fühlt man sich nach Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind wortwörtlich wie nach einem Zoobesuch. Es ist viel Geschehen, es gab viel zu Entdecken, doch man ist unter all den Eindrücken und den mannigfaltigen Wesen etwas erschlagen. Zu einem zweiten Besuch ist man allerdings gerne bereit. 

6/10

Für Fans von: Harry Potter 1-8, Der Hobbit, Die Chroniken von Narnia