Montag, 21. November 2016

Mister Doctor?




Doctor Strange

Der als Stephen Strange menschlich geborene Superheld aus dem Marvel-Universum ist einer dessen mächtigster und langlebigster Vertreter. Seit dem großen Comicaufschwung Anfang der 1960er Jahre ist Doctor Strange fester Bestandteil vieler Geschichten rund um die Avengers, die X-Men und co. Filmisch dauerte es nun eine ganze Weile, ehe sich die Verantwortlichen des Marvel Cinematic Universe (MCU) dazu bereit sahen, den einflussreichen Zauberer in ein Leinwandabenteuer zu schicken. Die angesprochene Vielfältigkeit der Comicvorlagen geht Doctor Strange dabei natürlich abhanden (schon alleine, da sich das MCU fast nur auf die Mitglieder der Avengers konzentriert), doch Regisseur Scott Derrickson (Der Exorzismus von Emily Rose, Der Tage, an dem die Erde stillstand) liefert hier dennoch einen überraschend vergnüglichen und optisch beeindruckenden Origin-Film ab. Als Einzelabenteuer steht und fällt Doctor Strange natürlich mit seiner Hauptfigur. Dem großen Namen des Studios im Hintergrund ist es dann sicherlich zu verdanken, dass mit Benedict Cumberbatch ein Akteur für diese Rolle gecastet werden konnte, der zur Zeit auf dem Höhepunkt der international möglichen Popularität steht. Der britische Sherlock-Mime verdankt diese aber glücklicherweise seinem großen Talent und so begeistert Cumberbatch als arroganter Chirurg, der selbst den Tod nicht als Grenze seines Könnens begreift genauso, wie im weiteren Verlauf des Films als ungläubiger Zweifler und schließlich als cooler Actionheld. Dazu können auch alle Nebendarsteller als Gewinn für das MCU gelten. Allen voran begeistert Leinwandikone Tilda Swinton als Stranges Mentorin in jeder ihrer Szenen. Dazu zeigen auch Mads Mikkelsen, Chiwetel Ejiofor und Rachel McAdams, warum sie sonst im dramatischen Fach beheimatet sind. Mit Benjamin Bratt und Michael Stuhlbarg sind auch kleinere Rollen noch prominent besetzt. Trotz des gelungenen Castings, ist Doctor Strange vor allem ein optischer Genuss. Regisseur Derrickson lässt seiner Fantasie genüsslich freien Lauf. Das Ergebnis ist eine knallbunte, aber stets in sich stimmige Aufmachung, irgendwo zwischen Matrix, 2001: Odyssee im Weltraum und Inception. Spätestens im herrlich innovativen Finale, in dem die Zeit rückwärts läuft, dürften auch größte Gegner des Popcornkinos nicht schlecht staunen. Dass Doctor Strange letztendlich doch nur ein durchschnittlich guter MCU-Film wurde, liegt dann eher an Drehbuch und Figurenzeichnung. Erneut wurde es nicht geschafft, einen spannenden Antagonisten in den Film zu integrieren. Das Motiv des ehemaligen Schülers, des ehemaligen Bruders im Geiste, der die geheimnisvollen erlernten Mächte für das Böse nutzen möchte, lockt im Jahre 2016 niemanden mehr hinterm Ofen hervor. Mads Mikkelsen ist dabei keine Schuld zu geben, doch die Suche nach ewigem Leben und der Überwindung von Zeit und Naturgesetzen hat man schlicht zu oft gesehen. Auch das Passing des Films lässt an manchen Stellen zu wünschen übrig. Doctor Strange lässt sich viel Zeit mit der Erkundung seiner Figuren und dem spirituellen Unterbau, springt dann aber doch recht hektisch in den dritten Akt und das große Finale. Hier hätte man die 115 Minuten Laufzeit sinnvoller aufteilen können. Was hingegen nicht auf der Strecke bleibt und womit nach den ersten Trailern nicht wirklich zu rechnen war, ist jede Menge trockener Humor. Doctor Strange ist natürlich nicht vordergründig als Actionkomödie angelegt, wie etwa Guardians of the Galaxy oder Ant-Man, kann aber mit vielen erstaunlich treffsicheren Pointen aufwarten. Alles in allem stößt Doctor Strange nirgendwo an und ist sehr gut konsumierbar. Die Auswirkungen auf die Figurenkonstellation im MCU bleiben hingegen abzuwarten. 

7/10

Für Fans von: Iron Man, Inception

Samstag, 19. November 2016

N'Gochi




Bridget Jones' Baby

6 Jahre lang entfernte sich Renée Zellweger aus Hollywood. Die Traumfabrik und ihre Mechanismen hatten die Texanerin zum Ausstieg aus dem Schauspielgeschäft bewogen, ihre großen Erfolge (vor allem die oscarprämierte Performance in Unterwegs nach Cold Mountain) lagen lange zurück. Doch ausgerechnet mit ihrer berühmtesten Rolle kehrt sie nun aus ihrem selbstgewählten, beruflichen Exil zurück. Über ein Jahrzehnt ist seit Bridget Jones 2 vergangen, doch angeführt von einer überzeugenden Hauptdarstellerin ist Bridget Jones' Baby nun ein überraschend witziger und angenehm anachronistischer Film geworden. Die Ehe mit Mark Darcy (gewohnt schräg: Colin Firth) ist vorbei, das Singledasein im vollem Gange, die Karriere brummt – Bridget Jones könnte zufrieden mit Privat- und Berufsleben sein. Doch der Wunsch nach eigenem Nachwuchs, unnachgiebige Kolleginnen und jede Menge Alkohol werfen sie in die Arme zweier verschiedener Männer. Der amerikanische Internet-Millionär Jack Quandt und eben ihr in erneuter Scheidung befindlicher Exmann kommen nun als mögliche Verursacher einer plötzlichen Schwangerschaft in Frage. Womit Fans der Reihe zu Beginn direkt konfrontiert werden, ist die Abwesenheit von Hugh Grants Figur Daniel Claever. Der charmante Brite lehnte es ab, zum dritten Male in die Rolle des arroganten Weiberhelden zu schlüpfen. An seiner statt komplettiert nun Greys Anatomy-Star Patrick Dempsey das Chaos in Bridget Jones' Leben. Und es stellt sich als Glück heraus, dass dieser seine Rolle wesentlich zurückgehaltener interpretiert und nicht zum bloßen Ersatz für Grant wird. Hier ist es zusätzlich von Vorteil, dass Regisseurin Sharon Maguire (drehte auch schon den ersten Teil der Reihe) ihre Protagonistin als Mädchen der 80er und 90er Jahre inszeniert und so einen bewussten Kontrastpunkt zum digital geprägten Leben ihres neuen Verehrers setzt. Doch auch abseits des bekannten Liebesdreiecks weiß der Cast zu überzeugen. Allen voran stiehlt Leinwandikone Emma Thompson als sarkastische Gynäkologin mit sichtlich Spaß an der Sache jede Szene, in der sie zu sehen ist. Daneben sehen wir Jim Broadbent in einer Nebenrolle und Folk-Superstar Ed Sheeran in einem Cameo-Auftritt. Positiv überrascht war ich vom sehr erwachsenen und gut pointierten Humor der ersten halben Stunde. Fettnäpfchen und Fremdscham werden hier natürlich wieder genussvoll zelebriert, doch rutscht der Humor niemals auf plattes US-Highschoolkomödien-Niveau ab, sondern bleibt stets angenehm britisch. Doch sobald Ungewissheit, Unsicherheit und ernsthafte Gefühle das Geschehen zu bestimmen beginnen, sackt Bridget Jones' Baby leider in sich zusammen. Die enorm dünne, vorhersehbare Story und die mittelmäßige Inszenierung stechen hervor, einfach, weil die Gags im Verlauf der üppigen 123 Minuten Laufzeit rarer und zahmer werden. So entwickelt sich der Streifen zusehends zum Drögen und Pathetischen. Dazu ist man dem omnipräsenten Einsatz großer Popsongs irgendwann überdrüssig. Bridget Jones' Baby bleibt aber dennoch die wesentlich bessere der beiden Fortsetzungen des Überraschungserfolgs von 2001. Der tolle erste Akt und ein gut aufgelegter Cast lassen Filmfreunde hier mit einem Lächeln aus dem Kinosaal gehen. 

6/10

Für Fans von: Bridget Jones 1 und 2, Notting Hill, E-Mail für dich

Montag, 7. November 2016

Frechlachs auf Abwegen




Findet Dorie

Nach den mäßig erfolgreichen Cars 2 und Die Monster-Uni schien Pixar zunehmend von der Idee abzurücken, Fortsetzung eigener Produktionen in die Kinos zu bringen. Und infolge dessen darf 2015 als ein absolutes Highlight der Animationsschmiede gelten. Mit inhaltlich (Alles steht Kopf) und visuell (Arlo & Spot) wahrlich Außergewöhnlichem in den Köpfen der Fans versuchte sich Pixar 2016 allerdings wieder an einem Sequel. Findet Nemo war im Jahre 2003 der ultimative Durchbruch für den generationenübergreifenden, computeranimierten Spielfilm gewesen und ist für viele bis heute der beste Streifen der Disney-Tochter. Was sollte also schiefgehen. Nun, die Besucherzahlen werden die Verantwortlichen rund um Regisseur Andrew Stanton (WALL-E, John Carter) und Pixar- Chef John Lasseter fröhlich stimmen, die Kritiken fallen auch überwiegend enthusiastisch auch. Nichtsdestotrotz konnte mich Findet Dorie nicht abholen. Zum einen bietet der vom Sidekick zur Hauptrolle beförderte Palettendoktorfisch mit seiner Vergesslichkeit nur einen sehr eindimensionalen Charakter. Schon in Findet Nemo war Dory mehr nerviges Anhängsel, als treibende Kraft und half der Handlung nur mittels Glück oder Zufall. In Findet Dory ist dies nun in sehr aufgeplustert wirkenden 97 Minuten größtenteils der Fall. Zum anderen wird die Erzählstruktur des Vorgängers nicht nur übernommen, sondern gleich mehrfach wiederholt. Das Muster Verschwinden – Abenteuer – Rettung – Wiederkehr - erneutes Verschwinden wird schlicht zu inflationär angewendet. Eine gewisse Ermüdung setzt beim Zuschauer ein. Doch natürlich kann sich Findet Dory auch auf viele pixartypische Stärken verlassen. Ähnlich wie bei Findet Nemo sind auch im vorliegenden Film die Nebencharaktere bei weitem interessanter und unterhaltsamer als die Protagonisten. Hier sei besonders der Oktopus Hank hervorgehoben. Der mit nur sieben Armen (also eigentlich Septopus) ausgestattete Krake ist absoluter Publikumsliebling und würde von mir sofort grünes Licht für einen eigenen Film Findet Hank bekommen. Dazu ist die Animation auf höchstem Niveau, Mimik und Bewegung der Meeresbewohner haben sich besonders im direkten Vergleich mit Findet Nemo meilenweit verbessert. Die Botschaft des Films zum Thema Heimat und Zugehörigkeit ist inhaltlich und visuell ordentlich verpackt. Filmfreunde können sich außerdem über zahlreiche Anspielungen, etwa zu Alien (Sigourney Weaver hat im Original sogar eine Sprechrolle) oder Anchorman 2, freuen. Alles in allem hat mich Findet Dory in keinster Weise davon abgebracht, begeistert jede neue Ankündigung Pixars zu verfolgen und deren Filme zu mögen. Und dennoch hätte ich mich gefreut, wenn nicht drei der vier nächsten Produktionen Fortsetzungen wären. 

6/10

Für Fans von: Findet Nemo, Das große Krabbeln



Freitag, 28. Oktober 2016

Solomon Grundy, geboren am Montag




The Accountant

An dieser Stelle möchte ich mich als Ben Affleck-Fan outen. Seine großen filmischen Entgleisungen wie Gigli, Pearl Harbor oder Daredevil liegen lange zurück, seine Regiearbeiten (Gone Baby Gone, The Town und Argo) wurden stetig besser, seine Rollenauswahl in Filmen wie To the Wonder oder Gone Girl immer ausgewogener. Selbst in Batman v Superman war er der Lichtblick am düsteren DC-Horizont. Und so verwundert es nicht, dass ein Schauspielensemble, angeführt von Ben Affleck ein durchwachsenes Drehbuch mithilfe eines begabten Regisseurs in einen guten und unterhaltsamen Actionthriller retten kann. Der Kalifornier überzeugt als titelgebender Buchhalter Christian Wulff mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Beeindruckende mathematische Kenntnisse verdankt er einer Inselbegabung seiner Autismuserkrankung, Kampf- und Schießkunst der militärischen Ausbildung seines Soldatenvaters. Als sozial überforderte aber hochgezüchtete Denk- und Kampfmaschine wandelt Affleck nun stoisch, verschmitzt und unberechenbar durch 128 Minuten Handlung. In diese mischen sich bald Steuerfahnder, Mafia-Clans, korrupte Firmenbosse und Privatarmeen. Die erste Hälfte des Films ist dabei die weitaus interessantere, da die vielen Schauplätze und Gesichter positioniert werden wollen und sich die betuliche Erzählweise fördernd für die unterschwellig brodelnde Spannung auswirkt. Mit zunehmender Spieldauer kann das Script die losen Enden des Streifens aber immer schlechter zusammenhalten. Da werden Figuren aus den Augen verloren und Storylines dilettantisch oder erst gar nicht zu Ende gebracht. Im Gegensatz zu den einzelnen Charakteren und den mysteriös und mit viel schwarzem Humor inszenierten Einzelszenen kann Warriors-Regisseur Gavin O'Connor die Geschichte in The Accountant nicht vollständig überzeugend an den Mann bringen. Verlassen kann sich der New Yorker Filmemacher allerdings auf einen namhaften und Spielfreudigen Cast. Der bereits angesprochene Ben Affleck agiert geheimnisvoll und nuancenreich. Die Motivation seiner Figur zu ergründen, hält den Zuschauer bei Laune. An seiner Seite darf Anna Kendrick (Pitch Perfect, Up in the Air) als klassische Damsel in Distress ihre herzliche Schrulligkeit präsentieren und Jon Bernthal (Sicario, Herz aus Stahl) als redegewandter Elitekämpfer für wohlige Bedrohung sorgen. In den Nebenrollen versammelt The Accountant geballte Leinwanderfahrung. John Lithgow (Interstellar, Dexter), Jean Smart (24, Fargo), Jeffrey Tambor (Hangover, Arrested Development) und Oscarpreisträger J.K. Simmons (Whiplash, Juno, Burn after Reading) spielen allesamt mit Elan auf und sorgen für viel Präsenz. Ein weiteres Lob möchte ich an dieser Stelle noch für den epischen Streicherscore vom Kult- Trompeter und Arbeitstier Mark Isham aussprechen. Man kann The Accountant schlussendlich ankreiden, nicht noch besser geworden zu sein. Ein andersartiger und kurzweiliger Thriller ist er dennoch. 

7/10

Für Fans von: Killing me softly, Good Will Hunting, A History of Violence

3 Frauen und (k)ein Todesfall




Girl on the Train

Die Erwartungen an diesen Film waren erstaunlich. Ein Psychothriller mit starker, weiblicher Hauptfigur, angesiedelt im wohlhabenden, suburbanen Amerika der Jetztzeit, entwickelt nach einem Weltbestseller. Dass hier Gone Girl nachgeeifert werden sollte, war niemals ein Geheimnis. Und natürlich gilt auch im Falle von Girl on the Train: Besser gut kopiert als schlecht selbstgemacht. Doch was The Help-Regisseur Tate Taylor mit seiner literarisch sehr umstrittenen Vorlage hier anstellt ist ein reines Fiasko, egal ob nach bestem Vorbild oder nicht. Die erste halbe Stunde des 112 minütigen Streifens lullt den Zuschauer noch in klinisch beleuchteten Hochglanzbildern und Unwissenheit ein. Doch sobald die eigentliche Story ins Rollen kommt, wird mit jeder Szene deutlicher, was Girl on the Train so miserabel macht. Es sind nicht die offensichtlichen Kopien großer Filme (das Wort Hommage sei hier dringlichst vermieden). Hier wird neben David Finchers Meisterwerk vor allem Regielegende Alfred Hitchcock und dessen Klassiker Das Fesnter zum Hof und Vertigo benutzt. Es sind nicht die per se begabten Schauspieler. Emily Blunt, Rebecca Ferguson, Luke Evans, Edgar Ramirez und Lisa Kudrow retten Girl on the Train zwar nicht, reißen ihn aber auch nicht eigenhändig in den Abgrund. Und es sind auch nicht Danny Elfmans ordentlicher Score oder die Versuche Themen wie Voyeurismus, gewalttätige Beziehungen oder Sucht und Abhängigkeit zu einem Krimiplot zu verweben. Es ist die schiere Ignoranz der Filmemacher dem Publikum gegenüber. Wir werden für völlig dämlich verkauft. Wo Gone Girl seine Herkunft als Pulp-Roman noch sarkastisch feierte und keinen Zweifel am übertriebenen Eskapismus seiner Geschichte aufkommen ließ, suhlt sich Girl on the Train geradezu in Ernsthaftigkeit und dem absoluten Vermeiden von Humor. Dies führt im Kinosaal natürlich zu herrlich unfreiwilliger Komik. Denn der Kinofreund ist nicht so blöd, wie es uns Tate Taylor gern glauben lassen würde. Dazu kommt der Hochglanzthriller rein objektiv nie über das Niveau einer Seifenoper hinaus. Alle Wendungen sind völlig vorhersehbar, die Entscheidungen der handelnden Personen werden immer unglaubwürdiger und bis zum Ende des Filmes hat mein keine einzige sympathische Figur angetroffen, um die man sich sorgen oder mit der man mitfiebern konnte. Dazu wird ein interessanter Aspekt der Vorlage – die Erzählung der Geschichte aus der Perspektive der drei weiblichen Hauptcharaktere – vom Film in den Anfangsminuten aufgegriffen und anschließend erklärungslos aufgegeben. Somit ist Girl on the Train schlicht billig, traurig und beleidigend. Glücklicherweise auch schnell zu vergessen. 

3/10

Samstag, 15. Oktober 2016

Schattenmänner




The Infiltrator

23 Jahre nach seinem Tod kommt Pablo Escobar zu einer erneut gigantischen medialen Aufmerksamkeit. Zum Glück ist es diesmal nur Hollywood, dass den Drogenbaron mit großer Begeisterung wieder aufleben lässt. Neben dem 2015er Paradise Lost war es vor allem die bahnbrechende Netflix-Serie Narcos, die das Leben des einst siebtreichsten Mannes der Welt künstlerisch aufarbeitete. In The Infiltrator befasst sich Regisseur Brad Furman (Der Mandant, Runner, Runner) nun mit der immensen wirtschaftlichen Bedeutung des kolumbianischen Kokains, das Escobar in den 80er Jahren so werbewirksam über Miami in die USA schmuggelte. Und so ist es passend, dass Escobar selbst stets wie ein gefürchteter Geist über den Entscheidungen der Figuren schwebt und doch selbst nie im Film zu sehen ist. The Infiltrator ist Robert Mazur. Der DEA-Agent lässt sich undercover in das gewaltige Geldwäsche-Syndikat der kolumbianischen Drogenmafia einschleusen, um so deren größte Geldquelle zum Versiegen zu bringen. Die Memoiren des realen Mazurs dienten Furman und dessen Mutter, die Drehbuchautorin Ellen Brown Furman, als Vorlage für diese Verfilmung. Und hier liegen auch die Probleme des Streifens begraben. The Infiltrator kommt leider nicht über ein inhaltliches Potpourri hinaus. Dank einer riesigen Zahl an Sprechrollen, einer inkohärenten Erzählweise, die fast nur auf Einzelszenen baut und dem somit übermittelten Gefühl der unnötigen dramaturgischen Hektik, wirkt der Film wie eine auf zwei Stunden zusammengepferchte Serie. Gern hätte man den verwinkelten Geldfluss der Drogenmillionen detailliert nachempfunden, doch The Infiltrator gibt dem Zuschauer dazu keine Gelegenheit. Figuren werden strikt nach Bedarf in einzelne Handlungsstränge gepresst und im Laufe des Filmes vergessen. Dass zum, zugegeben sehr emotionalen, Finale dann noch einmal alle Charaktere in Erinnerung gerufen werden, bessert diesen Umstand dann auch nicht mehr. Besonders schade sind diese Drehbuchschwächen, da The Infiltrator schauspielerisch und technisch eine ganze Menge zu bieten hat. Allen voran brilliert Bryan Cranston als Robert Mazur. Die Gratwanderung zwischen Familienmensch und zynischem Geschäftsmann, zwischen alterndem Ermittler und brutalem Unterweltfinancier bringt der Altmeister tadellos auf die Leinwand. An seiner Seite überzeugen zusätzlich John Leguizamo, Diane Kruger und Benjamin Bratt in größeren Nebenrollen. The Infiltrator ist zusätzlich mit viel Hingabe inszeniert wurden. Die bereits angesprochene Zerstückelung der Handlung ist zwar für den Erzählfluss schädlich, doch Set-Designer, Kostümbildner und Make-up-Artists dürfen dafür die 80s in allen schillernden Farben wieder auferstehen lassen. Frisuren, Kleidung und das Nachtleben Floridas bilden gemeinsam mit einem stimmungsvollem Score das Fundament für die humorvollen und augenzwinkernde Stimmung des Filmes. Letzten Endes stimmte mich die tolle Optik von The Infiltrator zusätzlich traurig darüber, 'nur' einen guten Film gesehen zu haben. Die vielschichtige Thematik (weitere Filme über Escobar und sein Imperium sind derzeit u.a. von Oliver Stone in Arbeit) und der tolle Cast hätten mehr hergegeben. 

7/10

Für Fans von: Paradise Lost, Das Kartell, American Hustle

Freitag, 14. Oktober 2016

We found love in a hopeless place





American Honey

Ein Gesellschaftsporträt voller Laiendarsteller mit einer Laufzeit von über zweieinhalb Stunden klingt auf dem Papier nach einer zähen Angelegenheit. Und American Honey wird auch viele Kinobesucher nicht für sich vereinnahmen können. Zu sperrig, zu ziellos, zu dramaturgisch andersartig. Doch die Faszination dieses fiebrigen und unkonventionellen Streifens entsteht eben nicht durch durch eine handelsübliche Storyline und dialoglastige Konfrontationen von Schauspielstars, sondern durch eine beeindruckende Bildsprache, einen vielseitigen Soundtrack und die nahezu perfekte Manifestation eines ungewissen Lebensgefühls amerikanischer Jugendlicher. Im Zentrum der Geschichte steht die 18jährige Star. Weit unterhalb der Armutsgrenze zieht sie als Ersatzmutter ihre kleinen Geschwister groß. Doch die Sehnsucht nach der großen Freiheit bricht sich in Star bahn und so schließt sie sich einer Drückerkolonne an, die unter Führung der resoluten Krystal auf einem nie enden wollenden Roadtrip durch die Vereinigten Staaten Zeitschriftenabonnements verkauft. Die britische Regisseurin Andrea Arnold konnte für American Honey den Großen Preis der Jury bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes entgegennehmen. Solch eine Belobigung war nicht unbedingt zu erwarten. Dies zeigt sich beispielsweise am Casting der Hauptdarstellerin Sasha Lane, die den Filmemachern erst kurz vor Drehbeginn auf dem Spring Break in Florida ins Auge stach. Dazu tummeln sich mit Shia LaBeouf Herz aus Stahl, Nymphomaniac, Disturbia) und Riley Keough (Mad Max: Fury Road, Magic Mike) auch nur zwei international bekannte Gesichter vor der Kamera. Doch genau diese Kamera sorgt mit ihren grobkörnigen Aufnahmen für einen beachtlichen Teil der Anziehungskraft American Honeys. Das Gezeigte ist selten schön. Von Minute 1 bis 163 führt uns der Film durch die verschiedensten sozialen Schichten und Lebensumstände der USA. Durch die im positiven Sinne unangenehme Kameraführung gelingt der Blick in die Verhältnisse von drogenabhängigen Großfamilien, radikalen Sektenanhängern oder einsamen Superreichen zusätzlich intensiv. Die somit fast dokumentarische Inszenierung lässt jede Distanz von Zuschauer und Geschehen entfallen. Die drogeninduzierte Wahnvorstellung des amerikanischen Traums, der sich Star und deren Mitstreiter hingeben, hüllt Regisseurin Arnold dazu immer wieder in mannigfaltige Musik. Rap, Country und die großen Pophymnen unserer Zeit bieten den Protagonisten Möglichkeiten zur Realitätsflucht, denen sich diese auch wiederholt hingeben. In Verbindung mit einem tragischen und teils herzzerreißenden Schauspiel entsteht so ein zwar selbstzerstörerisches, aber immer wieder wunderschönes Abbild einiger von der Gesellschaft Vergessener. Kleine Dinge, die den Figuren und Zuschauern am Wegesrand des Filmes begegnen sind hier von größerer Bedeutung, als eine stringente Handlung. Und dennoch vermag sich American Honey mit enorm intensiven Szenen und einer stets mitschwingenden Spannung, die aus dem leidenschaftlichen Miteinander der Charaktere entsteht, tief im Gedächtnis von Filmfreunden einzubrennen. 

8/10

Für Fans von: Almost Famous, Broken Flowers