Dienstag, 3. März 2015

Wenn Worte ihre Sprache wären







Verstehen Sie die Bèliers?

Auf der unfassbar erfolgreichen Welle von Komödien wie Willkommen bei den Sch'tis, Ziemlich beste Freunde oder Monsieur Claude und seine Töchter kommt mit Verstehen Sie die Bèliers nun eine neue Culture-Clash-Geschichte aus Frankreich in unsere Kinos. Die Bèliers sind eine Familie von Landwirten in der französischen Provinz. Als die musikalisch äußerst talentierte Tochter des Hauses, Paula, die Möglichkeit erhält, an einem Pariser Konservatorium eine Gesangsausbildung zu erhalten, sind Probleme vorprogrammiert. Denn Paula ist die einzige Bèlier, die nicht taubstumm ist. Auch wenn der Eindruck entsteht, dass Verstehen Sie die Bèliers auf den ersten Blick im Windschatten der eingangs erwähnten Filme mitschwimmen möchte, so fällt doch vor allem die gemäßigte Produktion sofort ins Auge. Auf international bekannte Namen wird verzichtet, ebenso sind die Schauwerte des Films begrenzt. Regisseur Éric Lartigau verlässt sich ganz auf seine Figuren und deren Geschichte. Das Alltagsleben einer taubstummen Familie wird dabei weder melodramatisiert, noch der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern erscheint dem Zuschauer von der ersten Minute an als selbstverständlich. Zu verdanken ist dies natürlich in erster Linie den Darstellern, die allesamt die Gebärdensprache erlernen mussten. Besonders Hauptakteurin Louane Emera weiß in ihrer ersten Rolle überhaupt durchweg zu überzeugen. Mit ihrer Paula kann sich das Publikum komplett identifizieren. Besonders die Verzweiflung, die über die Bèliers hereinbricht, als Paula sich für einen neuen Weg abseits der Familie entscheiden möchte, wird durch ihre Leistung bestens transportiert. In diesem Konflikt liegt dann auch die zentrale Aussage des Films. Auch wenn ihre Eltern sehr eigenständig und stolz sind, so ist doch durchweg zu erahnen, wie angewiesen sie auf ihre Tochter sind. Die zweite Hälfte von Verstehen Sie die Bèliers ist dann auch deutlich emotionaler und weniger offensiv witzig. Das Motiv des Loslassens und Abschiednehmens begleitet den gesamten Film, vor allem durch die Musik von Michel Sardou, dann auch konsequent. Ob Verstehen Sie die Bèliers auch international ein großer Erfolg wird, ist nicht vorauszusehen. Zu wünschen wäre es ihm allemal.

8/10

Für Fans von: 
Willkommen bei den Sch´tis, Ziemlich beste Freunde, Monsieur Claude und seine Töchter

Montag, 2. März 2015

Wo soll's hingehen?







Als wir träumten

In Als wir träumten skizziert Regisseur Andreas Dresen das Schicksal einer Jugendclique im Leipzig der frühen 90er Jahre. Irgendwo zerrissen zwischen zwei Systemen, von denen keines ihrem Freiheitsdrang gerecht wird, sinken sie immer tiefer in einen Strudel aus Enttäuschungen, Perspektivlosigkeiten und schließlich Kriminalität. Besonders interessant ist dabei die Charakterisierung der Elterngeneration der Protagonisten. Deren Vertreter suchen allesamt Hoffnung und Halt in einer neuen, scheinbar grenzenlosen Welt, und schauen doch oft hilflos dabei zu, wie ihre Kinder und Schüler an dieser scheitern. Es sind für alle Beteiligten unbekannte Probleme einer Zeit, die sie zu überfordern scheint und in der sie keine Zugehörigkeit finden. Dresen und sein Drehbuchautor Michael Kohlhaase vermeiden dabei jegliche Schuldzuweisung und sorgen so für eine außenstehende Perspektive, die das Geschehen auf der Leinwand umso trister und schonungsloser erscheinen lässt. Die Messestadt Leipzig steht hierbei stellvertretend für jede Stadt der Neuen Bundesländer nach dem Mauerfall. Das Zeigen von Wahrzeichen oder Stadtpanoramen wird tunlichst vermieden. Als wir träumten wird dabei durch fiebrige Schnitte und aufregende Kameraeinstellungen geprägt. Zusammen mit einem antreibenden Elektrosoundtrack spiegelt die technische Seite des Streifens all das wieder, was sich die Jugendlichen erhoffen. Denn gehofft und geträumt wird viel im Film. Es ist imaginäre Ausflucht aus der grauen Wirklichkeit und gleichzeitig die einzige Möglichkeit, dieser tatsächlich zu entfliehen. Denn jeder hat seine Träume. Ob die große Karriere als Reporter oder der Erfolg als Profiboxer. Auch wenn die Chancen schlecht stehen, den Glauben an sich und ihren Erfolg gibt hier keiner auf. Als wir träumten ist nahezu ausschließlich mit neuen, unverbrauchten Gesichtern besetzt, was einer Millieu- und Zeitstudie natürlich sehr zu Gute kommt. Der Film ist ein gutes Beispiel für modernes und engagiertes deutsches Kino.

8/10

Für Fans von: Wir sind jung, wir sind stark, Trainspotting

Donnerstag, 26. Februar 2015

Im Fadenkreuz von Clint Eastwood







American Sniper

Bereits vor dem deutschen Kinostart war American Sniper Clint Eastwoods erfolgreichster Film. Für einen Mann, der in den 60er Jahren das Westerngenre (Dollar-Trilogie) und in den 70ern den Cop-Film (Dirty Harry) revolutionierte, ist dies schon mehr als bemerkenswert, zumal der 84jährige American Sniper als sein Herzensprojekt bezeichnete. Doch in Die Geschichte des Scharfschützen Chris Kyle (so der offizielle deutsche Nebentitel des Films) fehlt es nicht nur an Herz. Es sei den Betrachtungen vorangestellt, dass sich American Sniper in Gänze an ein US-Amerikanisches Publikum richtet. Die Berichterstattung in den Vereinigten Staaten war dementsprechend auch eine sehr emotional geführte, in den sich Gegner und Befürworter des Streifens wechselseitig Kriegstreiberei, beziehungsweise fehlenden Patriotismus vorwarfen. Den politischen Aspekt möchte ich daher ausklammern. Doch kein noch so guter Wille kann die eklatanten Schwächen in puncto Drehbuch, Dramaturgie und Figurenzeichnung begradigen, die uns Eastwood hier auftischt. American Sniper mangelt es an vorderster Front an einer spannenden Story. Chris Kyle wird in diesem Film für ganze vier Einsätze in den Irakkrieg geschickt, um sein blutiges Handwerk zu verüben. Alle diese Missionen werden chronologisch abgearbeitet, den Szenen im heimatlichen Texas entgegengestellt. Und doch verweigert uns American Sniper einen Spannungsbogen. Für die Darstellung der Unwägbarkeiten, die ein Soldat nach der Heimkehr zu erleiden hat, ist diese mehrfache Wiederholung besonders störend (man denke nur an den genialen Schlussakkord in The Hurt Locker, in dem in wenigen Momenten das emotional zerstörte Innenleben eines Veteranen offenbart wurde), für den Filmverlauf selbst natürlich vor allem ermüdend. Die stattlichen 132 Minuten gestalten sich dementsprechend zäh. Weiterhin stört die heldenhafte Überhöhung des Protagonisten. Da sich Eastwood Chris Kyles selbstgeschriebene Biografie als Drehbuchvorlage nahm, ist dies zwar nicht verwunderlich (reine Lügen und maßlose Übertreibungen sind bewiesen), doch nicht weniger ärgerlich. Dazu gibt es die unvermeidbaren Sequenzen über die unmenschliche Navy Seals-Ausbildung, die sprücheklopfenden Soldaten und Ehrgefühlsappelle zum fremdschämen. Positives gibt es von American Sniper jedoch auch zu vermelden. Technisch ist der Film über jeden Zweifel erhaben. Nicht nur der Oscar für den besten Tonschnitt spricht dafür. Einzelne Szenen sind in sich auch enorm spannend und intensiv, die Gefechte sind bedrückend inszeniert, das allgegenwärtige Sterben eindrucksvoll dargestellt. Dazu spielt Hauptdarsteller Bradley Cooper äußerst überzeugend. Seine Darstellung des Chris Kyle ist sehr zurückgenommen, fast minimalistisch, doch in den entscheidenden Momenten dennoch aussagekräftig und berührend. Insgesamt eine wirklich erwachsene Performance eines zwielichtigen Mannes in einem unterdurchschnittlichen Film.

4/10 


Für Fans von: Green Zone, Lone Survivor

Mittwoch, 25. Februar 2015

Oscarrückblick







Die Gewinner

Bester Film: Birdman
Beste Regie: Alejandro Gonzáles Iñáritu – Birdman
Bester Hauptdarsteller: Eddie Redmayne – Die Entdeckung der Unendlichkeit
Beste Hauptdarstellerin: Julianne Moore – Still Alice
Bester Nebendarsteller: J.K. Simmons – Whiplash
Beste Nebendarstellerin: Patricia Arquette - Boyhood
Bestes Originaldrehbuch: Birdman
Bestes adaptiertes Drehbuch: The Imitation Game
Beste Filmmusik: Alexandre Desplat – Grand Budapest Hotel
Bester Song: Glory - Selma
Beste Kamera: Emmanuel Lubezki – Birdman
Bester Schnitt: Whiplash
Bester fremdsprachiger Film: Ida – Polen
Bester Animationsfilm: Baymax – Riesiges Robowabohu
Bester Dokumentarfilm: Citizenfour
Bester animierter Kurzfilm: Liebe geht durch den Magen
Bester Kurzfilm: The Phone Call
Bester Dokumentar-Kurzfilm: Crisis Hotline: Veterans Press 1
Bester Ton: Whiplash
Bester Tonschnitt: American Sniper
Beste Kostüme: Grand Budapest Hotel
Bestes Szenenbild: Grand Budapest Hotel
Bestes Make-up: Grand Budapest Hotel
Beste Visuelle Effekte: Interstellar


Meine Einschätzung


Entgegen der Einschätzung vieler Internationaler Filmfans und Journalisten hielt ich die 87. Oscarverleihung im Globe Theater Los Angeles für äußerst gelungen. Den verstärkten Rufen nach einer Einkürzung der Show kann ich partout nicht folgen. Ich freue mich über jede Sekunde Freiraum, der die künstlich knapp gehaltenen Verkündungen der Gewinner und deren Dankesreden trennen, und somit Zeit zum Verarbeiten geben. Gerade in diesem Jahr war dieser Aspekt besonders wichtig, da die Ansprachen der Sieger so politisch ausfielen, wie ich es noch nie erlebte. Patricia Arquettes Aufruf zu mehr Gleichberechtigung für Frauen, Graham Moores (Drehbuchautor von The Imitation Game) tieftraurige und zugleich hoffnungsvolle Ode auf die eigene Verschrobenheit und natürlich John Legends beeindruckender Appell gegen die systematische Unterdrückung der Schwarzen in den USA verdienten ebenso wie J.K. Simmons Ermahnung, regelmäßig seine Eltern anzurufen, viel Freiraum. Eine Nettozeit von etwa 2:45 h ist für den entscheidendsten Tag der Filmbranche mehr als gerechtfertigt.

Neil Patrick Harris, der als Host durch den Abend führte, blieb mir vor allem durch seine energiegeladene Eröffnungsrevue im Kopf. In einer großen Musicalnummer sang und tanzte sich der How I met your mother-Star mit atemberaubender Trick- und Kameratechnik durch die Geschichte des Films. An seiner Seite begeisterten auch Anna Kendrick und Jack Black in diesem Reigen. Die Bissigkeit seines ersten Satzes am Abend ließ er im späteren Verlauf jedoch vermissen, sein Timing bei einigen Gags war unpassend und der finale Paukenschlag, rund um einen mysteriösen Koffer, ging total daneben.

Für Humor sorgten andere. Besonders John Travolta und Idina Menzel waren für einen humoristischen Höhepunkt verantwortlich, der den eklatanten Versprecher Travoltas aus der Oscarshow 2014 aufleben ließ. Weiterhin wussten Pawel Pawlikowski (Regisseur von Ida) und Eddie Redmayne in ihren Dankesreden die Sympathien der Zuschauer auf ihre Seite zu ziehen.

Überraschend gut gelangen auch die musikalischen Einlagen. John Legends episches Glory, oder die knallbunte Kostümshow von Tegan and Sarah und The Lonely Island bei ihrer Aufführung von Everything is awesome aus The LEGO Movie sorgten für echte Höhepunkte. Übertroffen wurden beide allerdings von der ungewohnt subtil agierenden Lady Gaga, die im klassischen Abendkleid eine Hommage an das Kultmusical The Sound of Music zum Besten gab. Anlässlich des 50. Jahrestag der Veröffentlichung des Film stand sie schließlich auch mit dessen Hauptdarstellerin Julie Andrews gemeinsam auf der Bühne.

Im Gegensatz zu den Nominierungen blieben große Überraschung bei den Oscargewinnern aus. Die Preise in den Haupt- und allen Darstellerkategorien sind ohne Diskussion vollends berechtigt. Auch wenn sich viele eine Berücksichtigung von Boyhood für die beste Regie oder den besten Film gewünscht hätten, so ist Birdman in beiden Kategorien eine mindestens ebenso hervorragende Wahl. The Imitation Game den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch zu verleihen, mag etwas überraschend anmuten, die Konkurrenz war allerdings in diesem Jahr recht überschaubar. Die größte der kleinen Unerwartbarkeiten ist definitiv der verdiente Erfolg von Whiplash. Nicht nur ich freue mich über zwei Preise für die phänomenale technische Arbeit (der Oscar für J.K. Simmons galt ja fast schon als sicher) zu diesem großen kleinen Film. Vier Goldjungen in den audiovisuellen Kategorien wurden Grand Budapest Hotel zugesprochen. Auch wenn mit einigen Preisen zu rechnen war, so sind diese Auszeichnungen, die GBH gemeinsam mit Birdman zum erfolgreichsten Film des Abends machten, eine erste Würdigung des innovativen Schaffens von Wes Anderson. Nicht zufällig spielte er die Hauptrolle in allen Dankesreden der Filmschaffenden hinter Grand Budapest Hotel.

Persönlich freue ich mich über 13 richtige Gewinnertipps aus 20 Kategorien. Außerdem fiel mir die große Bandbreite an ausgezeichneten Filmen sehr positiv aus. 16 verschiedene Werke wurden mit mindestens einem Oscar bedacht. (zum Vergleich: im vergangen Jahr machen 11 Streifen die 24 Preise unter sich aus) Somit erkannte die Academy die große Vielfalt an außergewöhnlichen Filmen des vergangenen Jahres.

Sonntag, 22. Februar 2015

Oscartipps






Meine Prognose für die Verleihung der 87. Verleihung der Academy Awards. Inklsuive den Filmen, für die ich mir eine Auszeichnung wünsche und denen, die wohl die besten Chancen haben. Ich schließe Kurz- und Dokumentarfilme aus diesen Tipps aus.


Beste Visuelle Effekte

Nominiert:

Guardians of the Galaxy
Interstellar
X-Men: Zukunft ist Vergangenheit
Planet der Affen: Revolution
The Return of the First Avenger

Eine große Anerkennung für die Kunst des Motion Capture wäre inzwischen mehr als angebracht. Dennoch denke ich nicht, dass Planet der Affen: Revolution gegen die monumentale Optik eines Interstellar gewinnen kann.



Sollte gewinnen: Planet der Affen: Revolution
Wird gewinnen: Interstellar



Bester Ton

Nominiert:

American Sniper
Birdman
Interstellar
Unbroken
Whiplash

Ich setze große Erwartungen in die Academy, auf das sie American Sniper und Unbroken keinen Oscar zukommen lassen wird. Den monumentalen Aspekt von Interstellar hatte ich ja zuvor schon zu bedenken gegeben.



Sollte gewinnen: Interstellar
Wird gewinnen: Interstellar



Bester Tonschnitt

Nominiert:

American Sniper
Birdman
Interstellar
Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere
Unbroken

Der Oscar für den besten Tonschnitt wird nicht zufällig gemeinsam mit dem Preis für den besten Ton verliehen – der Gewinner ist größtenteils der selbe. Auch wenn Whiplash als Musikfilm wenigstens eine Nominierung verdient hätte.



Sollte gewinnen: Interstellar
Wird gewinnen: Interstellar



Bester Filmsong

Nominiert:

Everything is Awesome – The LEGO Movie
Glory – Selma
Grateful – Beyond the Lights
I'm not gonna miss you – Glen Campbell: I'll be me
Lost Stars: Can a Song save your Life?

Das Aufeinandertreffen der potentiellen Trostpreisgewinner. Da The LEGO Movie und Selma gleichermaßen um weitere Nominierungen gebracht wurden, werden sie den Sieger unter sich aus machen. Für mich steht fest: der selbstironische 90's Trance-Verschnitt Everything is awesome sollte klar die Oberhand behalten, dürfte aber gegen John Legends Glory keine Chance haben. The LEGO Movie hat den Nerv der Academy schlicht gar nicht getroffen.



Sollte gewinnen: Everything is awesome – The LEGO Movie
Wird gewinnen: Glory – Selma



Beste Filmmusik

Nominiert:

Jóhann Jóhannsson – Die Entdeckung der Unendlichkeit
Alexandre Desplat – Grand Budapest Hotel
Alexandre Desplat – The Imitation Game
Hans Zimmer – Interstellar
Gery Yershan – Mr. Turner

Eine komplett offene Kategorie. Für Mr. Turner ist bereits die Nominierung ein großer Erfolg, Alexandre Desplat macht sich durch zwei Nominierungen natürlich große Hoffnungen. Doch in Grand Budapest Hotel und The Imitation Game überzeugt die Musik nicht in dem vordergründigen Maße, wie es der Score in Interstellar tut. Nach dem Sieg bei den Golden Globes und in Anbetracht der Tatsache, dass Die Entdeckung der Unendlichkeit sonst nur mit Eddie Redmayne ein Eisen im Feuer hat, fällt mein Tipp wie folgt aus.



Sollte gewinnen: Hans Zimmer – Interstellar
Wird gewinnen: Jóhann Jóhannsson – Die Entdeckung der Unendlichkeit



Bestes Make-up und beste Frisuren

Nominiert:

Foxcatcher
Grand Budapest Hotel
Guardians of the Galaxy

Da ich Grand Budapest Hotel in den Big-Five-Kategorien wenig Chancen ausrechne, sollte der Sieger hier feststehen.



Sollte gewinnen: Grand Budapest Hotel
Wird gewinnen: Grand Budapest Hotel



Bester Schnitt

Nominiert:

American Sniper
Boyhood
Grand Budapest Hotel
The Imitation Game
Whiplash

Whiplash sollte mit großem Abstand gewinnen – kein Film zog in diesem Jahr soviel Energie aus einem perfekten Schnitt. Doch wie Grand Budapest Hotel wird der technische Aspekt des Films in den Augen der Jury kaum Bedeutung haben. Mittelmäßige Filme wie The Imitaion Game, und vor allem American Sniper, haben hoffentlich mit der Entscheidung nichts zu tun, daher mein Tipp:



Sollte gewinnen: Whiplash
Wird gewinnen: Boyhood



Bestes Kostümdesign

Nominiert:

Maleficent
Mr. Turner
Inherent Vice
Into the Woods
Grand Budapest Hotel

Auch wenn diese Kategorie oftmals positiv für fantastische Stoffe ausfällt – Into the Woods und Maleficent wurden doch generell zu schlecht eingeschätzt, um bei den Oscars zu siegen.



Sollte gewinnen: Grand Budapest Hotel
Wird gewinnen: Grand Budapest Hotel



Beste Kamera

Nominiert:

Roger Deakins – Unbroken
Robert Yeoman – Grand Budapest Hotel
Lukasz Zal, Ryszard Lenczewski – Ida
Dick Pope – Mr. Turner
Emmanuel Lubezki – Birdman

In einem durchschnittlichen Oscarjahr hätten Dick Pope und Robert Yeoman beste Karten. Doch Birdmans technische Perfektion ist zu einem gewichtigen Teil Emmanuel Lubezki zu verdanken, der nach Gravity im vergangenen Jahr erneut revolutionäre Arbeit ablieferte. Ein Wort noch zu Roger Deakins: Dass der Mann hinter der Kamera von Skyfall, Prisoners, No Country for old Man und The Big Lebowski noch keinen Oscar im Schrank stehen hat, ist eine wahre Tragödie. Doch in Unbroken stellte er seine Fähigkeiten hinter das manipulative Drehbuch zurück. Glücklicherweise dürfte er mit der Entscheidung der Academy in diesem Jahr wenig zu tun haben.



Sollte gewinnen: Emmanuel Lubezki – Birdman
Wird gewinnen: Emmanuel Lubezki - Birdman



Bestes Szenenbild

Nominiert:

Grand Budapest Hotel
The Imitation Game
Interstellar
Into the Woods
Mr. Turner


Siehe bestes Kostümdesign. So sehr ich mich für Mr. Turner freuen würde (wer hätte gedacht, dass sich auch nur ein Jurymitglied für solch einen herausfordernden Film begeistert) – die offensichtliche Wahl ist hier auch die beste.



Sollte gewinnen: Grand Budapest Hotel
Wird gewinnen: Grand Budapest Hotel



Bester fremdsprachiger Film

Nominiert:

Ida – Polen
Wild Tales – Argentinien
Leviathan – Russland
Timbuktu – Mauretanien
Tangerines – Estland, Georgien


Rund um den Globus ist dies die jährlich spannendste Kategorie, die sich zudem nicht vorhersagen lässt. Während Leviathan mit dem Golden Globe und der Silbernen Palme von Cannes (bestes Drehbuch) aufwarten kann, dominierte Ida den europäischen Filmpreis und hat eine zweite Oscarnominierung für die beste Kamera in der Tasche. An bereits erfolgte Auszeichnungen hat sich die Academy bei der Suche nach dem besten fremdsprachigen Film jedoch kaum gehalten (Man denke nur an die unerwartete Niederlage von Michael Haneckes Das weiße Band 2010). Daher fallen meine Tipps nach persönlichen Vorlieben aus.


Sollte gewinnen: Wild Tales - Argentinien
Wird gewinnen: Leviathan – Russland



Bester Animationsfilm

Nominiert:

Drachenzähmen leicht gemacht 2
Baymax – Riesiges Robowabohu
Die Boxtrolls
Song of the Sea
Die Legende der Prinzessin Kaguya

Da der bereits auserkorene Sieger The LEGO Movie unter massivstem Protest von Filmfreunden aus der ganzen Welt nicht nominiert wurde, ist die Bühne frei für meinen Lieblings-Animationsfilm der vergangenen Monate.


Sollte gewinnen: Baymax – Riesiges Robowabohu
Wird gewinnen: Baymax – Riesiges Robowabohu



Bestes adaptiertes Drehbuch

Nominiert:

American Sniper
Die Entdeckung der Unendlichkeit
The Imitation Game
Inherent Vice
Whiplash

Der herausragendste Beitrag ist definitiv Inherent Vice. Dessen Dialoge sind schlicht großartig. Diese Entscheidung scheint mir für die Academy allerdings zu gewagt, weshalb mein Tipp auf die unkontroverseste Wahl fällt.


Sollte gewinnen: Inherent Vice
Wird gewinnen: Die Entdeckung der Unendlichkeit



Bestes Originaldrehbuch

Nominiert:

Birdman
Boyhood
Foxcatcher
Grand Budapest Hotel
Nightcrawler

Der in meinen Augen beste Film des Jahres brachte es letzten Endes auf nur diese eine Nominierung. Auch wenn Nightcrawler damit in Tradition des letzten Jahres, als Her überrachend und verdient diesen Oscar gewann, steht, vermute ich, dass die Academy für famose Dialogduelle statt atemberaubender Storyentwicklung stimmt. Ich könnte gut damit leben.



Sollte gewinnen: Nightcrawler
Wird gewinnen: Birdman



Beste Nebendarstellerin

Nominiert:

Patricia Arquette – Boyhood
Laura Dern – Wild
Keira Knightley – The Imitation Game
Emma Stone – Birdman
Meryl Streep – Into the Woods

Der einzige Oscar, der für The Imitaion Game in meinen Augen wirklich berechtigt wäre. Ob Keira Knightley besser war als Emma Stone, ist zwar noch zu bezweifeln, dennoch wurden beide von der umwerfenden Patricia Arquette übertroffen. Sie ist trotz der Nebenrolle das Herz des Mammutprojekts Boyhood. Ihre bisherigen Auszeichnungen für diese Rolle sprechen ebenfalls für sie. Eine Nominierung für Rene Russo in Nightcrawler wäre außerdem noch absolut notwendig gewesen.



Sollte gewinnen: Patricia Arquette – Boyhood
Wird gewinnen: Patricia Arquette – Boyhood



Bester Nebendarsteller

Nominiert:

Edward Norton – Birdman
Mark Ruffalo – Foxcatcher
Robert Duvall – Der Richter
J.K. Simmons – Whiplash
Ethan Hawke – Boyhood

Eine scheinbar feststehende Entscheidung, an der ich selbst keinen Zweifel hege. Welch eine Perforamnce von J.K. Simmons. Ein Trauerspiel für Edward Norton, der mit seiner Rolle jeden anderen Jahrgang dominiert hätte.



Sollte gewinnen: J.K. Simmons – Whiplash
Wird gewinnen: J.K. Simmons – Whiplash



Beste Hauptdarstellerin

Nominiert:

Felicity Jones – Die Entdeckung der Unendlichkeit
Rosamund Pike – Gone Girl
Reese Wtherspoon – Wild
Julianne Moore – Still Alice
Marion Cottilard – Zwei Tage, eine Nacht

Wie im vergangenen Jahr (Cate Blanchette gewann für ihre Rolle in Blue Jasmine) wurde auch in der Oscarsaison 2015 mit Julianne Moore eine Schauspielerin vorzeitig von den Medien als Quasi-Gewinnerin festgelegt. Für diese Leistung sei ihr der Preis auch mehr als gegönnt.



Sollte gewinnen: Julianne Moore – Still Alice
Wird gewinnen: Julianne Moore – Still Alice



Bester Hauptdarsteller

Nominiert:

Michael Keaton – Birdman
Benedict Cumberbatch – The Imitation Game
Eddie Redmayne – Die Entdeckung der Unendlichkeit
Bradley Cooper – American Sniper
Steve Carrell – Foxcatcher

Auch wenn mein absoluter Favorit für diesen Preis, Jake Gyllenhaal, sowie die ebenfalls großartigen Miles Teller (Whiplash) und Timothy Spall (Mr. Turner) nicht einmal nominiert wurden sind, fällt meine Wahl trotz allem gegen den gesetzten Favoriten Eddie Redmayne, der meiner Meinung nach, trotz einer großartigen Performance, zu sehr von seiner Figur profitiert.



Sollte gewinnen: Michael Keaton – Birdman
Wird gewinnen: Eddie Redmayne – Die Entdeckung der Unendlichkeit



Beste Regie

Nominiert:

Morten Tyldum – The Imitation Game
Wes Anderson – Grand Budapest Hotel
Richard Linklater – Boyhood
Alejandro Gonzáles Iñáritu – Birdman
Bennett Miller – Foxcatcher
 
Wie im vergangenen Jahr tippe ich auf verschiedene Gewinner in den Kategorien Regie und Film. Traditionell belohnt die Jury technisches Können eher mit dem Regiepreis, als allumfassende Filmprojekte. Diese bekommen gern die Auszeichnung für den besten Film (Bestes Beispiel: 2014 – Beste Regie: Gravity, bester Film: 12Years a Slave). In meinen Augen hat Richard Linklater jedoch durch die beeindruckende Arbeit mit den Schauspielern über 12 Jahre persönlich mehr Anteil am hervorragenden Ergebnis von Boyhood als Iñáritu für Birdman, in dem mich die technischen Eigenschaften des Films mehr überzeugten. Daher meine Prognose:


Sollte gewinnen: Richard Linklater – Boyhood
Wird gewinnen: Alejandro Gonzáles Iñáritu – Birdman



Bester Film

Nominiert:

Birdman
Boyhood
American Sniper
Grand Budapest Hotel
The Imitation Game
Die Entdeckung der Unendlichkeit
Selma
Whiplash

Auch wenn mich Boyhood emotional tiefer bewegte als Birdman – die Perfektion in allen Bereichen lassen mich für Birdman hoffen. Meine Einschätzung über das Vorgehen der Jury findet ihr unter Berste Regie.



Sollte gewinnen: Birdman
Wird gewinnen: Boyhood

Freitag, 20. Februar 2015

Im Takt bleiben







Whiplash

Die Frage, wie weit man gehen würde, um seine Ziele zu erreichen, welche Grenzen man überschreiten möchte, ist im Kino nicht neu. Doch anders als in klassischen Hollywood- Heldengeschichten projiziert Regisseur Damien Chazelle in seinem Drama Whiplash diese Ausgangssituation in eine herkömmliche Lehrer-Schüler-Beziehung und schafft somit etwas Außergewöhnliches. Als der junge Jazzschlagzeuger Andrew Neiman in die Studioband des gefürchteten Perfektionisten Terence Fletcher aufgenommen wird, beginnt er regelrecht besessen mit Hilfe der Musik um die Anerkennung seines Lehrers zu kämpfen. Doch dieser schreckt vor physischem und psychischem Terror nicht zurück. Whiplash ist zum einen der Titel eines Jazzstandards von Hank Levy, als auch gleichsam beispielsweise mit Peitschenhieb zu übersetzen. Und mit der Intensität eines solchen Schlags trifft Chazelles Remake seines eigenen Kurzfilms auch den Zuschauer. Der enorme Sog, in den Neiman gerät, und der seine Bindungen zu Freunden und Familie beträchtlich leiden lässt, überträgt sich ungebremst auf den Zuschauer. Wie im besten Thriller ist die Spannung gerade zu Nerven zerfetzend. Besonders die intensiv gefilmten Schlagzeug-Sequenzen treiben den Kinogängern den Schweiß auf die Stirn. Großartige Kameraarbeit und vor allem perfekte Schnitttechnik und Montage der Szenen machen aus Whiplash einen wahren Exzess, der noch lange nachwirkt. Einen besonderen Anteil an der Überzeugungskraft des Films gebührt den beiden Hauptdarstellern Miles Teller und J.K. Simmons. Während der Nebendarstelleroscar Simmons schon kaum noch zu nehmen scheint, sollte Teller meiner Meinung nach größere Anerkennung zuteil werden. Seine Darstellung des zunächst schüchternen Jugendlichen zwischen unbedingtem Willen und nackter Panik ist schlicht genial. Im fast kammerspielartigen Psychokrieg, der zwischen Fletcher und Neiman entbrannt, bleibt er der Fixpunkt für den Zuschauer und lässt uns so mitleiden. Nach dem atemberaubenden Finale macht es uns Whiplash außerdem wahrlich schwer, ein abschließendes Urteil über den Film zu bilden. Man ist angehalten, das Gesehene zu reflektieren. Toll, wenn Kino das schafft.

10/10


Für Fans von: Full Metal Jacket, Ray

Mittwoch, 18. Februar 2015

Von der Magie der Undurchdringlichkeit







Inherent Vice

Eine als unverfilmbar geltende Vorlage auf die große Leinwand zu bringen, hat schon so manchen legendären Regisseur hervorgebracht. Beispielhaft dafür seien Curtis Hanson und sein phänomenales L.A. Confidential (nach Stadt der Teufel von James Ellroy), sowie Peter Jacksons Der Herr der Ringe (nach der gleichnamigen Fantasy-Saga von J.R.R. Tolkien) genannt. Beide Werke galten als zu komplex, um sie im Kino adäquat wiedergeben zu können. Im vorliegenden Fall versucht sich eine wahre Regielegende an einem solch „unverfilmbaren“ Stoff. Paul Thomas Andersons Adaption des Thomas Pynchon Romans Natürliche Mängel ist ein knallbunter Bilderrausch, der die Verschachtelungen des Buches gar nicht erst zu entwirren versucht und dem Zuschauer eine durchgeknallte Detektivgeschichte im Los Angeles der frühen 70er Jahre präsentiert. Die Handlung um den dauerbekifften Privatschnüffler „Doc“ Sportello, der in einem Entführungsfall ermittelt, ist vom geneigten Kinogänger spätestens nach der Hälfte des Film nicht mehr nachvollziehbar. Dieser Zustand ist vom Regisseur auch definitiv beabsichtigt. Vielmehr nimmt uns PTA auf einen Trip durch die Post-Hippie-Ära mit allerlei schrägen Gestalten und unwahrscheinlichen Entwicklungen. Umso witziger sind die tiefgründigen Resümees, die Doc unter zunehmendem Drogeneinfluss ständig zieht. Er ist der Mann mit dem Durchblick. Dass diese Rolle nicht zur Karikatur verkommt, ist zusätzlich dem grandiosen Joaquin Phoenix zu verdanken. Als Getriebener der Ereignisse zieht er mit seinem überzeugenden Spiel die Sympathien der Zuschauer durchgängig auf seine Seite. Unterstützt wird Phoenix von einem absoluten All-Star-Cast. Neben Gastauftritten von Benicio del Toro, Eric Roberts und Boardwalk Empire-Star Michael K. Williams, bleiben vor allem Josh Brolin als Mordermittler mit Emotionsstörung, Owen Wilson als Spitzel in den Händen einer nationalistischen Sekte und Reese Witherspoon als nymphomanische Staatsanwältin in Erinnerung. Dazu bietet Inherent Vice einen grandiosen Seventies-Soundtrack. PTA's Reise in die marihuanageschwängerte Westküstenwelt ist somit ein Fest für alle Sinne. Zum Ende hin geht dem Streifen allerdings zunehmend die Puste aus. Eine Straffung hätte Inherent Vice definitiv gut getan. Was bleibt ist ein außergewöhnlicher Film, der das Publikum mit Sicherheit spalten wird.

8/10


Für Fans von: The Big Lebowski, Chinatown, Fear and Lothing in Las Vegas